27. Juni – 04. Juli 2000
Crew: Klaus und Heidi
Ende Juni sitze ich mit meiner Frau Heidi im Flugzeug nach Portugal. In den nächsten 3 Wochen werden wir mit unserem Boot Urlaub machen und dabei bis in die Nähe von Alicante segeln. Unser Ziel ist eine Marina im Mar Menor, wo wir unsere Yacht über Winter liegen lassen wollen. Vor uns liegen ca. 700 sm. Da der Urlaub nicht zu kurz kommen soll, haben wir uns die Strecke in verschieden lange Etappen aufgeteilt.
Aber bei unserer Ankunft in der Marina gilt es zuerst einmal, einen riesigen Schreck zu überwinden - in unserer Abwesenheit hatte jemand versucht, in das Boot einzubrechen. Die Tür zum Niedergang sowie das Steckschot sind total zerstört, aber das Schoß hat gehalten. Uns fällt ein Stein vom Herzen.
Am nächsten Tag machen wir erst einmal Klarschiff . Auch einige notwendige Reparaturen und Ausbesserungen (im Ergebnis der Tour durch die Biskaya) sind fällig. Trotzdem bleibt noch Zeit, die großartige Stadt Lissabon zu erkunden. Gern würden wir dafür mehr Zeit verwendet, aber die vor uns liegenden Seemeilen mahnen zum Aufbruch.
Am 27. Juni werfen wir gegen Mittag die Festmacher los. Am Ausgang der Marina füllen wir noch einmal unseren Dieseltank, dann geht es ab gen Süden. Unser Ziel ist es, das Cabo da Sao Vicente am Morgen des nächsten Tages zu erreichen und nach dem Passieren einen geeigneten Ankerplatz zu finden. Die ersten Meilen treibt uns der "Portugisische Norder" noch mit 3-4 bft. voran, aber am Nachmittag schläft er immer mehr ein. Uns bleibt nichts anderes über, wir müssen die Maschine starten. Eine unangenehme Restwelle lässt uns nicht so recht zur Ruhe kommen. Hinzu kommt, dass wir uns erst einmal wieder an die Wasserbewegung gewöhnen müssen - kurz gesagt: es ist zum Kot...
Die Nacht verläuft recht ruhig. Das Meer beruhigt sich etwas und gegen Mitternacht liegt Sines, der einzige für Yachten geeignete Hafen in diesem Gebiet, querab. Die Schiffsbewegungen halten sich im Rahmen. Die Hauptschifffahrtslinie verläuft etwa 10 sm von uns entfernt.
Bei Sonnenaufgang haben wir uns der Südwestspitze Europas schon sehr weit genähert. In den späten Vormittagsstunden passieren wir das Cabo da Sao Vicente, natürlich werden (wieder viel zu viele) Fotos geschossen. Aber alle paar Minuten bietet dieses Cap andere beeindruckende Ansichten.
Plötzlich setzt auch der Wind wieder ein. Während wir gegen 12,00 Uhr in der Bucht vor Sagres Anker werfen, bläst er bereits mit 25 kn aus Nord über uns hinweg. Als ich unser Schlauchboot auf Deck aufblase, „erleichtert" mir der Wind plötzlich das zu Wasser lassen. Er erfasst das Schlauchboot ganz plötzlich und wirft es über die Reling. Nach einem kurzen Schreck springe ich hinterher und kann es gerade noch einfangen.
Die Bucht bietet uns vor den Wellen, nicht aber vor den Windböen Schutz, aber auf gut haltendem Sandgrund liegt unsere Yacht sicher. Jetzt haben wir auch wieder etwas Zeit für uns. Heidi brät ein paar leckere Hühnerbeine und serviert sie mit Kartoffelbrei und einem kühlen Bier. Mit diesem Essen ist unsere Eingewöhnungsphase beendet und nun kann der Urlaub beginnen.
Am nächsten Morgen lichten wir, nach einem erfrischenden Bad und einem ausgiebigen Frühstück, den Anker. Bei kräftigem Halbwind segeln wir die Küste ab. Nach dem Kap hat sich die Landschaft total verändert. Steile, schroffe Felsen, kleine Buchten, versteckte Sandstrände. Am Nachmittag entscheiden wir uns, vor einer Steilküste auf 6 m Wassertiefe zu ankern. Bis Lagos sind es noch 7 sm. Sonderlich guten Schutz bietet uns dieser Platz zwar nicht, aber der Wind ist ablandig und scheint für uns keine Gefahr zu bringen.
Noch am gleichen Tag bereiteten wir unseren Außenbordmotor vor. Der kräftige Wellengang beschert uns dabei allerdings einige Probleme. Schließlich wollen wir den Motor nicht gleich am ersten Tag im Meer versenken. Unsere geplante Erkundungsfahrt in die naheliegenden Buchten und Grotten müssen wir also verschieben. Zu sehr pfeift uns der Wind um die Ohren und wir wollen auch nicht gerade auf das offene Meer getrieben werden.
In der Nacht lässt der Wind deutlich nach und am nächsten Morgen empfängt uns ein ruhiges Meer. Jetzt steht einer Schlauchboot-Erkundungsfahrt nichts mehr im Wege. Wir starten noch vor dem Frühstück. Langsam gleiten wir an traumhaft schönen Buchten und Grotten vorbei. Vorsichtig steuern wir unser Schlauchboot durch schmale Gänge. In einer kleinen einsamen Bucht ziehen wir unser Boot auf den Sandstrand und genießen die Ruhe - bis die ersten Ausflugsschiffe erscheinen ! Schnell kehren wir wieder zu unserer "SOLEIL" zurück und frühstücken erst einmal.
Gegen Mittag lichten wir den Anker, mit etwas Mühe, denn er hatte sich unter einem Stein verkeilt. Bei 4-5 bft. Halbwind segeln wir die eindrucksvolle Küste gen Osten ab und versuchen dabei, so dicht wie möglich unter Land zu bleiben.
Vor etlichen Jahren hatte ich in einem Hotel in der Nähe von Armacao de Pera meinen Urlaub verbracht. Ich erinnere mich noch gut daran, dass das Hotel oberhalb einer weitläufigen schönen Bucht lag, die von schroffen Felsformationen begrenzt ist. Dort wollen wir am Abend ankern. Wir erreichen die Bucht am späten Nachmittag. Vom Wasser her ist sie noch schöner, als ich sie in Erinnerung hatte. Auf 5 m gut haltenden Sandgrund werfen wir den Anker. Die Bucht ist gut gegen die nördlichen Winde geschützt. Bei einer Winddrehung auf S oder SO können wir die Bucht wieder gefahrlos verlassen.
Am späten Nachmittag bereite ich das Schlauchboot vor, um an Land Getränke und Obst einzukaufen. "Ordentlich" angezogen und mit dem nötigen Geld mache ich mich sofort auf den Weg. Dicht vor dem Strand stoppe ich den Außenborder und springe aus dem Boot, um es auf den Sand zu ziehen. Ich habe mich wohl etwas in der Wassertiefe verschätzt , denn ich finde keinen Grund unter meinen Füßen, tauche bis zum Hals ein und lege die letzten Meter zum Strand schwimmend, das Schlauchboot im Schlepptau, zurück. Ich muss ein urkomisches Bild abgegeben haben, denn Heidi, die diese Aktion von der Yacht aus beobachtet , biegt sich vor Lachen. Schnell, ohne bei den Badegästen zu viel Aufsehen zu erregen, klettere ich wieder in das Boot und brumme zurück. Bevor ich zum zweiten Versuch starten kann, müssen jetzt erst einmal die Sachen wechselt und die Geldscheine getrocknet werden.
Wir verbringen eine ruhige Nacht in der Bucht. Den nächsten Tag, den 1. Juli, beginnen wir mit einem ausgiebigen erfrischenden Bad. Nach dem Frühstück ist noch einmal "Fototermin" und dann wird der Anker gelichtet. Ziel ist die nur 23 sm entfernte Marina Vilamoura.
Die Küste verändert sich nun zusehends und wird flacher. Um 14.45 Uhr passieren wir die Einfahrt der Marina und bekommen, nachdem wir uns an der Rezeption angemeldet haben, einen Liegeplatz zugewiesen.
Vilamoura ist eine der größten und modernsten Marinas Portugals und Ausgangsbasis vieler Yachten mit Ziel Kanaren. Um so unverständlicher ist es für uns, dass wir zwar in unmittelbarer Nähe unseres Steges die teuersten Schmuck und Modegeschäfte vorfinden, das nächste Lebensmittelgeschäft aber erst in etlicher Entfernung aufspüren. Diese Feststellung sollten wir auf unserem weiteren Törn noch öfter machen. Rings um die Marina tummeln sich viele Touri-Restaurants, Bars und Designer-Buden. Wir finden in der "3. Reihe" ein nettes Lokal und essen dort sehr gut zu Abend.
Unsere nächste Etappe soll über 135 sm bis nach Barbate (Spanien) führen. Barbate haben wir als letzten Hafen vor Gibraltar ausgewählt. Aus den vorhandenen Unterlagen wissen wir, dass Barbate möglichst nicht nachts und bei starken westlichen Winden angelaufen werden sollte. Wir planten die Etappe also entsprechend, um in den Vormittagsstunden anzukommen.
Um 10.15 Uhr werfen wir die Festmacher los, und nachdem wir noch einmal Diesel gebunkert haben, gehen wir auf Kurs SO. Bei leichtem achterlichen Wind machen wir 6 kn Fahrt. Nachmittags nimmt der Wind deutlich zu und bei 6 bft. binden wir ein Reff in das Groß.
Die Nacht verläuft anfangs recht ruhig. Als gegen Mitternacht der Wind einschläft, starten wir die Maschine. In einer unangenehme alten Welle von achtern geigt das Schiff recht heftig. Gegen 03.30 löst mich Heidi im Cockpit ab. Der Kurs Barbate liegt an. In einiger Entfernung sind Positionslichter von Schiffen zu erkennen.
Ich muß gerade eingeschlafen sein, als plötzlich die Maschine abrupt stoppt. Sofort bin ich hellwach und stehe im Cockpit. Heidi ist genau so erschrocken wie ich und hat keine Erklärung. Zuerst schalte ich die Zündung aus. Mit Taschenlampe leuchte ich den Motorraum aus, kann aber nichts erkennen. Im Rhythmus der stampfenden Schiffsbewegung ist ein lautes metallisches Klappern zu vernehmen. Als ich über die Bordwand blicke, sah ich die Bescherung. Neben uns treibt ein zu einer dicken Wurst zusammengewickeltes Fischernetz, dessen Schwimmkörper gegen das Boot schlagen. Das eine Ende der "Wurst" verliert sich hinter dem Heck während das andere Ende an unserer Schraube und unserem Ruder hängt. Weit und breit sind keine beleuchteten Tonnen zu erkennen. Das Netz trieb hier völlig unbewacht und ungesichert.
Nachdem ich den ersten Schreck überwunden habe, steige ich, angeseilt und mit Messer und Taschenlampe bewaffnet, in das Wasser. Erst einmal gilt es, das Boot wieder frei zu bekommen. Die Positionslichter von Fischereifahrzeugen sind nicht sehr weit entfernt, und auf eine Konfrontation mit einheimischen Fischern wollen wir es nicht ankommen lassen. Bei der Dunkelheit und der heftigen Schiffsbewegung traue ich mich nicht, unter das Boot zu tauchen. Ich will zuerst das zusammengedrehte Netz möglichst dicht hinter dem Boot durchtrennen, um wieder freizukommen. Es dauert gut eine Viertelstunde, bis endlich das Boot anfängt, Fahrt aufzunehmen. Von dem Rest des Netzes sind wir nun zwar frei, die Welle ist jedoch noch immer blockiert. Nur, für diese Arbeit brauche ich Tageslicht. Völlig erschöpft falle ich in die Koje und Heidi steuert inzwischen die SOLEIL unter Fock aus dem Gefahrenbereich.
Inzwischen ist die Sonne aufgegangen und nach einer kleinen Stärkung gehe ich wieder an die Arbeit. Jetzt ausgerüstet mit Taucherbrille, Schnorchel sowie Messer und Schere muss ich unter das Boot tauchen, das von den Wellen heftigen hin und her geworfen wird. Mit einer Hand halte ich mich an der Schiffsschraube fest, während ich mit dem Messer die Reste des Netzes von der Welle löse. Mehrmals schlagen mir die Wellen den Schiffsboden auf den Kopf. Auch vor den scharfen Kanten der Badeleiter und des Ruders muss ich mich in Acht nehmen. Endlich, nach vielleicht 10 Minuten ist das letzte Stück Netz entfernt. Erschöpft, erleichtert und mit eine tüchtigen Prise Salzwasser im Bauch klettere ich wieder in’s Schiff. Der erste Versuch, die Maschine zu starten, führt sofort zum Erfolg. Uns fällt ein Stein vom Herzen. Die letzten 12 sm bis Barbate können in Angriff genommen werden.
Um 10.30 Uhr liegen wir am Steg in der Marina. Trotz unseres nächtlichen Abenteuers haben wir die 135 sm in genau 24 Stunden geschafft.
Der nächste Tag beginnt (für unsere Verhältnisse) recht früh. Bereits um 09.45 Uhr legen wir ab. Nachdem wir die vor der Bucht ausgelegten Fischernetzen hinter uns gelassen haben (nun verstehen wir auch, weshalb man eine Ansteuerung dieser Marina bei Nacht vermeiden soll), gehen wir bei schwachem Wind aus West auf Südkurs. 13.45 passieren wir Tarifa und biegen in die Straße von Gibraltar ein. Der Wind bläst weiterhin aus West und ein Gezeitenstrom von 1,5 kn läuft mit uns. Wir halten uns etwa 2 sm von der spanischen Küste frei und kommen zügig voran. Die Sicht ist gut. Die afrikanische Küste scheint zum Greifen nahe. Heidi hat plötzlich eine tolle Idee: "Komm, lass uns nach Tanger segeln". Reizvoll ist der Gedanke schon, aber ohne Detailkarten und ohne Hafenplan erscheint es mir dann aber doch zu waghalsig. Wir bleiben also bei unserer geplanten Route.
Die Straße von Gibraltar ist bekanntermaßen stark befahren, aber das Verkehrstrennungsgebiet befindet sich in sicherem Abstand.
Als gegen 15.45 der Affenfelsen von Gibraltar vor uns liegt, hat der Wind auf 5-6 kn aufgefrischt und schiebt uns zügig in die Bucht hinein. Hier erwartet uns nicht nur ein tüchtiger Wellengang, sondern auch reger Schiffsverkehr. Wie zur Begrüßung passiert uns dann auch noch eine Delphin-Schule.
Um 16.30 haben wir die Einfahrt zur Queensway-Marina erreicht und lassen uns über Funk einen Liegeplatz zuweisen. Eine Viertelstunde später liegt unsere SOLEIL II sicher an einem Pontonsteg.
Für den Abend haben wir uns eine Stadterkundung vorgenommen. Daraus wird aber leider nichts. In Gibraltar gelten die britischen Ladenöffnungszeiten. Um 18.00 Uhr ist bereits alles geschlossen. Auf den Straßen liegen Müllbeutel und Verpackungsreste aus den Geschäften. Uns bleibt nur die Flucht in ein Restaurant - wie wir später feststellen müssen, eine sehr teure Flucht. Aber das Abendessen hat wenigstens einigermaßen geschmeckt.
Zurück in der Marina sprechen wir die Planung für den nächsten Tag durch. Eigentlich wollten wir einen Tag in Gibraltar bleiben und u.a. auf den Affenfelsen hochfahren. Die Erlebnisse der letzten Stunden haben aber unser Interesse an der Stadt merklich schwinden lassen. Wir entscheiden uns daher kurzfristig, bereits am nächsten Morgen wieder auszulaufen.
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