2000 Überführung von Emden in das Mittelmeer

                                                

Im Spätsommer 1999 hatten wir unsere in die Jahre gekommene Najade 900 (Baujahr 73) in Kroatien verkauft.

Auf dem Gebrauchtwarenmarkt waren wir inzwischen fündig geworden. Eine erst 3 Jahre alte Reinke 10 M (Aluminium)  sagte uns sowohl vom Allgemeinzustand als auch vom Preis her zu. Mit dem Eigner wurden wir recht schnell handelseinig und bereits im Oktober wurde der Kaufvertrag abgeschlossen.

Als begeisterte “Warmwasser-Segler” sollte unser neues Stück wieder in den Süden verlegt werden, am liebsten wieder nach Kroatien, wo es uns ausnehmend gut gefallen hatte.

 

Der Weg sollte “außen herum” führen, also von Emden durch den Kanal,  die äußere Biskaya und die Straße von Gibraltar in das Mittelmeer. Diese Herausforderung reizte mich ganz gewaltig. Zum Ende der Überführung wollten wir eine Marina in der Nähe von Alicante ansteuern.

Da ich bisher keine praktischen Erfahrungen in Tide-Gewässern sammeln konnte, nahm ich mir besonders viel Zeit für eine gründliche Vorbereitung. Das betraf sowohl das Studium aller verfügbaren Revierberichte, die Beschaffung notwendiger Handbücher und Seekarten als auch die Durchführung einiger technischer Veränderungen an der Yacht. Den Winter nutzte ich, um den kleinen Petroleumkocher gegen einen Petroleumherd mit Backröhre austauschen zu lassen. Ich ließ  2 weitere Service-Batterien einbauen und die Stromkreise voneinander trennen. Auch die Sicherheitsausrüstung wurde erweitert. Zu dem schon Vorhandenen kamen neue automatische Schwimmwesten, ein  Schlauchboot, eine EPIRB Seenotbake sowie kurz vor der Abreise leihweise eine Rettungsinsel für 4 Personen. Nachdem unsere erste Yacht auf den Namen “SOLEIL” hörte, entschieden wir uns, die Nachfolgerin  “SOLEIL II” zu taufen. Die notwendigen Schiffspapiere wie z.B. das Flaggenzertifikat mußten auch noch beschafft werden.

Anfang des Jahres stand die Route für die Überführung für mich ziemlich fest. Ich hatte dabei zu berücksichtigen, daß ich noch berufstätig bin und daher nicht über einen unbegrenzten Zeitfonds verfüge. Das gleiche Problem werden die Mitsegler haben, die ich aber erst noch “anheuern” mußte.

Ich wollte die Yacht  entweder nonstop oder mit höchstens 2 Zwischenstops zunächst bis nach Portugal schaffen. Von dort wollte ich dann die nächste Etappe mit meiner Frau als Urlaubsreise gestalten.

Nachdem ich im März die Möglichkeit hatte, des Vorhaben auch mit dem Segelprofi Burghard Pieske zu besprechen, der in Jena eine Ausstellung mit seiner “Bounty Bay” durchführte, entschied ich mich, von Emden aus zunächst an der holländischen Küste endlang zu segeln, vor Erreichen der Straße von Dover das Verkehrstrennungsgebiet zu kreuzen und meinen Kurs an der englischen Südküste fortzusetzen. Ein erster geplanter Zwischenstop sollte in Plymouth eingelegt werden. Von dort aus könnten dann meine ersten 2 Begleiter, die inzwischen mit meinen Freunden Nils und Frank feststanden, wieder nach Hause fliegen.

Von Plymouth wollte ich dann mit neuer Crew durch die äußere Biskaya bis nach Lissabon segeln.

Für die erste Etappe waren 7-8 Tage eingeplant, für die 2. Etappe 12 Tage. Gerechnet hatte ich mit Etmalen von 100 sm. Als Starttermin entschieden wir uns für den 6. Mai 2000.

 

 

1. Etappe : von Emden nach Plymouth / England


Die letzten Tage vor unserem Start liegt die Yacht an einem Steg der Schleusenverwaltung im Hafen von Emden.  Hier stehen mir freundlicherweise Wasser und Strom zur Verfügung, so daß ich die Yacht fahrfertig vorbereiten kann, bevor Frank und Nils am 5.Mai anreisen.

Nachdem alles verstaut ist und alle notwendigen Dinge an Bord besprochen sind, nehmen wir im “Feuerschiff” noch einmal ein gemütliches Abendessen ein.

Kurz nach Mitternacht ist Wecken angesagt. Um 01.20 werden die Leinen losgeworfen und kurz danach passieren wir bei Hochwasser die Emdener Seeschleuse. Der Schleusenwärter war der Voreigner unserer “SOLEIL II”. Er verabschiedet uns über Funk und wünscht uns eine gute Fahrt (sicherlich auch mit einem weinenden Auge). 

 

Als die Sonne aufgeht, liegt Borkum bereits querab. Um 8.00 erreichen wir die Ansteuerungstonne im Hubertgat.

Der Wind bläst mit 4-5 bft. direkt von achtern. Nachdem wir uns durch eigene Unachtsamkeit bereits 2 Patenthalsen eingefangen haben, setzen wir einen Bullenstander und es ist endlich Ruhe.

Der Tag verläuft ohne besondere Erlebnisse. Eine Rolle spielt dabei sicher auch die Tatsache, daß wir uns erst einmal an die Schiffsbewegungen gewöhnen müssen, die bei der achterlichen Welle doch recht unangenehm sind. So ist jeder von uns bemüht, sich nicht übermäßig körperlich zu belasten, worunter auch etwas die Kommunikation leidet.

Nachdem wir gegen 18.00 die holländische Insel Terschelling passiert haben, bereiten wir uns auf unsere erste Nacht auf der Nordsee vor.

Das ist für uns ein tolles Erlebnis - absolute Ruhe, sternklarer Himmel, in Küstennähe ein paar Lichter, ab und zu in sicherer Entfernung ein Schiff.  Aber es wird empfindlich kalt. Für mich ist es überhaupt die erste Nachtfahrt.

Am nächsten Morgen, nach einem kleinen Frühstück, fühlen wir uns alle zwar etwas müde aber körperlich deutlich wohler. Die Anpassungszeit ist offensichtlich vorüber.

Da Wind und Wetter weiterhin auf unserer Seite stehen, entschließen wir uns, das Verkehrstrennungsgebiet bereits in Höhe Holland zu kreuzen. Um 06.00 gehen wir auf Kurs 240°.

Am Nachmittag bekommenen wir Besuch - 2 Schweinswale begleiten uns eine ganze Weile in unserer Bugwelle bis es ihnen irgendwann zu langweilig wird. Eine Bohrinsel passieren wir aus Neugierde in (sicherlich zu geringem) Abstand. Aber niemand beachtet uns.

Gegen 17.00 haben wir das Trennungsgebiet erreicht und um 19.00 sind wir, mit Maschinenunterstützung, durch. Der Schiffsverkehr war erstaunlich gering. Mit Einbruch der Nacht gehen wir auf Kurs SSW und segeln parallel zur Schifffahrtslinie Richtung Dover. Es ist wieder furchtbar kalt. Es dauert jedes mal wenigstens 15 Minuten, ehe die Wachablösung alle notwendigen Hüllen angelegt und sich zur Unkenntlichkeit verunstaltet hat.

Am Mittag des 3. Tages kommt kurz vor Dover erstmals die englische Küste in Sicht. Ganz langsam taucht die Steilküste aus dem Dunst auf. Jetzt passieren uns auch die ersten Fähren. Als wir die Hafeneinfahrt von Dover querab haben, donnert eine  “Hoover-Speed”- Luftkissenfähre an uns vorbei.

Gegen 15.00 setzt in der Straße von Dover der Gezeitenstrom gegen uns ein. Erstmals erleben wir die ungeheuere Kraft, die der Strom in Landnähe auf  eine kleine Yacht ausüben kann.

 

Die folgende Nacht verlauft wieder ohne Probleme. Nur einmal waren wir etwas erschrocken. Schon längere Zeit hatten wir Lichter eines großen Schiffes beobachtet, das auf  unserem

 

Kurs lag. Als wir uns auf ca. 1 sm genähert hatten, konnten wir die rote Positionsbeleuchtung deutlich identifizieren. Wir wollten das Schiff  deshalb mit sicheren Abstand an Backbord liegen lassen. Plötzlich tauchte auch das grüne Licht auf . Das Schiff drehte direkt auf uns zu. Als wir versuchten, nach Backbord auszuweichen, drehte das Schiff wieder in unsere Richtung.

Inzwischen waren wir gefährlich dicht heran. Jetzt erst bemerkten wir, daß es sich um einen Saugbagger handelte, der sich auf der Stelle hin und her drehte. Nun konnten wir auch weitere Einzelheiten erkennen und waren erleichtert.

Um 02.00 passieren wir Beachy Head. Die Nacht ist deutlich wärmer als die vergangenen Nächte. Leider lässt jetzt aber auch der Wind langsam nach, und wir kommen nur noch mit Maschine voran.

Der 9. Mai, unser 4. Tag auf See, empfängt uns mit starkem Dunst. Der Himmel über uns ist frei und die Sonne strahlt auf uns herunter, aber über dem Meer liegt ein etwa 3-5 m hoher Nebelschleier. Es ist eine gespenstische Stimmung. Das Meer ist völlig unbewegt. Trotz einer Lufttemperatur von 20° C kondensiert unser Atem. Vorsichtig fahren wir weiter. Der Ausguck im Bugkorb wird regelmäßig abgelöst. Über Funk sowie mit unserem Nebelhorn geben wir regelmäßig Positionswarnungen durch.

Als in Höhe der Isle of  Wight eine Fähre unseren Kurs kreuzt, können wir sie aber doch rechtzeitig erkennen.

Mit Einbruch der Nacht verstärkt sich der Nebel noch (oder wir empfinden es wenigstens so). Rings um uns sind graue undurchsichtige Wände aufgebaut. Da wir keinen Radar mitführen, tasten wir uns vorsichtig weiter.

Gegen 20.00 Uhr rufe ich über Kanal 16 die Canal Coast Guard an. Nachdem wir auf Arbeitskanal gewechselt sind, gebe ich durch, daß wir über keinen Radar verfügen und bitte um Information, ob unser Kurs frei ist. Die Jungs der CCG wachsen in der Folgezeit über sich hinaus. Nachdem sie sich alle wichtigen Daten von uns durchgeben lassen haben, schalten sie sogar noch die franz. Küstenüberwachung mit ein, die unsere vorgesehene Fahrstrecke mittels Radar absucht. Zu jeder vollen Stunde meldet sich nun die Canal Coast Guard über Funk und informiert uns über den neuesten Stand. An Schlaf ist zwar nicht zu denken, aber wir können beruhigt und sicher unseren Weg fortsetzen.

Als sich die CCG um 06.00 Uhr abermals meldet, hat sich die Sicht soweit verbessert, daß wir auf weitere Hilfe verzichten können. Unser aufrichtiges “Dankeschön” für so viel  freundliche Unterstützung wird mit den schlichten Worten: “keine Ursache, rufen Sie uns ruhig wieder an, wenn immer Sie es für nötig halten” beantwortet.

Da wir in der Nacht sehr gut voran gekommen sind, scheint Plymouth noch für den gleichen Tag in Reichweite. Gegen Mittag stehen wir bereits wenige Meilen vor dem “Prawle Point”. Urplötzlich setzt wieder Wind aus West ein, der in kurzer Zeit bis 25 kn anwächst. Dadurch können wir die letzte Strecke gut unter Segel zurücklegen. Über Funk lassen wir uns in der Marina  Mayflower einen Liegeplatz zuweisen und um 17.10 Uhr machen wir das Boot fest.

Die erste Etappe von 592 sm haben wir in 4 Tagen und 16 Stunden geschafft, das entspricht einem durchschnittlichen Etmal von 127 sm.

Unserer Freude über den erfolgreichen Törn folgt aber leider ein Schock. Nils bemerkt plötzlich, dass im Boot irgend etwas leise summt. Als wir das genauer untersuchen, stellen wir fest, daß die automatische Bilgenpumpe läuft - wir haben Wasser im Boot, sowohl in der Bilge

unter dem Salon als auch im Motorraum. Mit Lappen, Schwamm und Eimer legen wir das Schiff wieder trocken, aber das Wasser läuft immer wieder nach. Nachdem wir zuerst einen undichten Fäkalientank vermuteten, entdecke ich plötzlich einen Haarriß im Schiffsboden neben der Motorwelle. Es ist für mich unfassbar; wie ist so etwas möglich? Und wie soll es nun weitergehen? In 3 Tagen soll die neue Crew anreisen und dann wollen wir nach Lissabon starten.

 

Am folgenden Morgen setze ich mich gleich über die Marina mit einer Service-Firma in Verbindung. Kurz danach kommt auch ein Mechaniker und für den folgenden Tag wird ein Krantermin

vereinbart. Der Riss muss geschweißt werden. Aber viel wichtiger für mich ist die Frage: was war die Ursache, wie konnte  überhaupt der Riss entstehen? Nach näherer Untersuchung lieg die Antwort klar auf der Hand. Der Voreigner hatte, als er den Motor einbauen ließ, (aus welchen Gründen auch immer) 2 Spanten entfernen lassen. Dadurch war im Schiffsboden eine große unstabilisierte Fläche aus Alu-Blech entstanden, die bei laufendem Motor ins Schwingen geriet. Irgendwann machte dann das Material nicht mehr mit.

Ich lasse also nicht nur den Riss schließen, sondern auch nachträglich wieder 2 Spanten zur Stabilisierung einschweißen.

Am 13.5.  um 15.00 Uhr liegt das Boot wieder im Wasser, und als um 18.00 die neue Crew (Karl aus Jena und Hartmut aus Berlin) anreist, können wir uns schon gemeinsam auf die nächste große Etappe vorbereiten.

 

 

 2. Etappe : von Plymouth nach Lissabon

 

Nachdem wir den Abend in einem Pub in der Nähe des Hafens verbracht haben, werfen wir nachts um 03.00 Uhr die Leinen los. Der Nebel, der den ganzen Tag über Plymouth lag, hat sich verzogen und es weht ein leichter Wind aus W. Wir haben gerade Drakes Island passiert, da holt uns ein Boot der Hafenpolizei ein und will wissen, was wir vorhaben. Wir geben Lissabon als Zielhafen an, und sie wünschten  uns nur gute Fahrt, warnen uns aber vor Nebel. Nebel ? Das können wir gar nicht verstehen, wir haben beste Sicht, oder etwa doch nicht? Wenige Minuten später sitzen wir in der Suppe. Noch befinden wir uns im Hafengelände, aber nur an Backbord sind die hellen Lichter eines Kreuzfahrtschiffes zu erahnen. Nachdem wir wie blind ein paar Runden auf der Stelle gedreht haben, entdecken wir nicht weit entfernt eine rote Tonne. Anhand der Kennung können wir auch feststellen, um welche es sich handelt. Wir nehmen noch einmal genauen Kurs und tasten uns vorsichtig nach Kompass aus dem Hafengelände. Eine Stunde später lüftet sich der Nebel und wir können beruhigt Segel setzen.                                   

Die Eddystone Rocks passieren wir mit sicherem Abstand früh gegen 06.10 Uhr.

Bei 14 kn Halbwind und ruhiger See können sich die zwei “Neulinge” erst einmal an das Boot gewöhnen. Die Luft ist auch recht angenehm und wir machen  gute Fahrt. Vor Sonnenuntergang haben wir bereits den Ausgang des Kanals erreicht. Unerwartet bekommen wir plötzlich noch Besuch. Zuerst landet ein kleiner Vogel (später als ein Pirol identifiziert) in unserem Cockpit und wenige Minuten später gesellt sich noch eine Brieftaube dazu. Beide entscheiden sich, die folgende Nacht  mit uns zu verbringen. Während sich der kleine Piepmatz in unser Vorschiff zurückzieht, um dort trocken und warm zu übernachten, sucht sich die Brieftaube einen geschützten Platz im Freien.

Wir halten in der Nacht unseren Kurs Südwest in die äußere Biscaya bei.

Der nächste Morgen beginnt mit schwachem Wind und Sonnenschein. Nach dem Frühstück verabschieden wir uns von unseren zwei gefiederten Gästen. Der Brieftaube haben wir vorher noch eine Nachricht an das Bein gebunden.

Gegen Mittag dreht der Wind auf SW  und weht uns damit genau auf die Nase. Nach ein paar Stunden unter Maschine geben wir den ungleichen Kampf auf und segeln hart am Wind auf Kurs SW. Im Verlauf der nächsten Stunden dreht der Wind weiter westlich und wird böig. Das Barometer fällt merklich.

Wir wollen uns nicht in die innere Biscaya drängen lassen und ändern unseren Kurs auf West, in den frühen Nachtstunden sogar auf  NW. Bei inzwischen  30 - 35 kn Wind binden wir das

 

2. Reff in das Großsegel und verkleinerten die Fock. Die See ist schon recht unruhig und der Himmel südwestlich von uns sieht bedrohlich aus. Deutlich ist eine scharf abgegrenzte schwarze Wolkenfront zu erkennen.

Gegen 04.00 Uhr weckt uns Rudergänger Hartmut mit der Information, daß das Barometer innerhalb der letzten 30 Minuten um weitere 4 hpa gefallen sei. Das ist das Signal, uns auf eine Sturmfahrt vorzubereiten. Nachdem alles Notwendige erledigt, auch noch einmal die aktuelle Position bestimmt und in die Karte eingetragen ist, besetzen wir das Cockpit zu zweit. Karl bleibt als Bereitschaft und “Versorgungsposten” unter Deck. Die Fock wird noch weiter eingerollt, trotzdem machen wir weiterhin 5-6 kn Fahrt hart am Wind.

Unsere Sicherheitsvorkehrungen waren nicht umsonst. Gegen 05.00 nimmt der Wind, der inzwischen Sturmstärke erreicht hat schnell zu. Wir starren gebannt auf den Windmesser:

38 - 40 - 45 kn.

Plötzlich rauscht eine Wasserwand auf uns zu und über uns hinweg.  Während  ich gebannt auf unsere Segel schaue und jeden Augenblick damit rechne, dass sie zerfetzen, liest Hartmut 54 kn am Windmesser ab. Der Spuk dauert nur wenige Minuten, dann lässt der Sturm wieder etwas nach, bläst aber weiter mit gut 43 - 45 kn. Das Rigg steht noch und auch die Segel scheinen unbeschädigt zu sein. Aus der Kabine kommt  von Karl die Nachricht, daß das Barometer wieder steigt. Der Sturm bläst inzwischen aus NW - wir haben den Kern des Tiefs passiert und können endlich auch wieder auf  Kurs gehen.

Der Sturm hält mit anfangs 9 bft. später 7-8 bft. den ganzen Tag an.  Bei Halbwind können wir die inzwischen auf  5-6 m Höhe angewachsenen Wellen gut absegeln. In geringem Abstand passieren uns zwei Frachter. Einer liegt direkt auf unserem Kurs, und wir müssen ihn erst über Funk auf uns aufmerksam machen. Dann bestätigt er aber, daß er ausweichen wird. Wir nutzen auch gleich die Möglichkeit, die neuesten Wetterinformationen zu bekommen.

In der Nacht zum 17. Mai verliert der Sturm deutlich an Stärke. Bei Sonnenaufgang weht es nur noch mit 20 kn aus West und auch die Wellen sind auf  2 m  “geschrumpft”. Endlich können wir wieder mal warm essen und abwechselnd ruhig schlafen.

Die folgende Nacht vom 17. zum 18. Mai wird mir wohl noch lange in Erinnerung bleiben. Eigentlich ist die Nacht ganz gut verlaufen. Ich habe die Hundewache und döse im Cockpit leicht vor mich hin. Es ist nur geringer Schiffsverkehr. Die wenigen Lichter in der Ferne habe ich unter Kontrolle. Gegen 04.00 Uhr fällt plötzlich unser elektron. Autopilot aus. Er schaltet einfach auf “standby”. Wenige Minuten später verabschiedet sich unser GPS  - die Schiffsakkus sind leergelutscht!!! Zuerst sehe ich das nicht so dramatisch. Wir haben ja unseren Motor, damit können wir die Akkus schnell wieder aufladen. Aber der Motor lässt sich auch nicht starten! Wir haben durch eigenes Verschulden (falsche Schalterstellung des Batterie-Hauptschalters) nicht nur die Service sondern auch die Starterbatterie verbraucht. Alle Versuche, den Motor in Betrieb zu setzen, bleiben erfolglos. Eine mechanische Starthilfe (Kurbel) ist an diesem Motor (Ruggerini) nicht vorhanden.

Der nächste Hafen liegt etwa 130 sm südöstlich. Zuerst schalten wir einmal alle Verbraucher aus, dann suchen wir uns mit Hilfe von Karte, Revierführer und  “Nautical Almanach” einen geeigneten Hafen, der unter den gegebenen Windbedingungen  erreichbar  und unter Segel

einigermaßen gefahrlos passierbar ist. Wir entscheiden uns für die Bucht Ria de Camarinas, wenige Meilen nördlich des Cabo de Finisterre an der span. Atlantikküste. Laut der vorhandenen Literatur soll diese Bucht, in deren nordöstlichem Teil eine kleine Marina liegt, bei jedem Wasserstand anlaufbar sein. Leider verfügen wir über keine Detailkarte, aber wir haben gar keine Wahl. Bei bleibendem Wind können wir die Bucht in etwa 28 Stunden, also in den späten Morgenstunden des 19. Mai erreichen. Sorge bereitet uns  der Gedanke an die bevorstehende Nacht.

Ohne Licht und  Funkgerät werden wir nach Mitternacht die Hauptschifffahrtslinie passieren. Außerdem müssen wir nahe der spanischen Küste mit starkem Fischerei-Betrieb rechnen.

 

 

Vor Einbruch der Dunkelheit versorgen wir unsere Handy-GPS und Taschenlampen noch einmal mit frischen Batterien. Im Cockpit befestigen wir für den Notfall eine Petroleumlampe.

Inzwischen haben wir uns auch schon an das ständige Rudergehen gewöhnt ( bei dem Sturm konnten wir bereits ausgiebig  “üben” ). Trotzdem lösen wir uns alle 2 Stunden ab. Zum Glück reicht der verbliebene Strom in den Batterien aus, um den Kompass zu beleuchten.

Die Nacht über beobachten wir die Schiffslichter mit Argusaugen. Aber es geht alles gut, wir kommen keinem Schiff zu nahe.

Schon lange vor Sonnenaufgang können wir die Küste ausmachen. Der Wind hatt inzwischen wieder deutlich an Kraft zugelegt und weht mit 6 - 7 bft. aus NO. Um zu vermeiden, daß er uns an der Bucht vorbeibläst, versuchen wir, dichter unter Land zu kommen. Bei den Wellen und dem Wind ist das gar nicht so einfach. Hinzu kommt, dass plötzlich zwischen den Wellenbergen einige Fischereifahrzeuge auftauchen, denen wir auch nicht gerade in den Weg kommen möchten.

Gegen 09.00 liegt des Cabo Villano,  die letzte Landspitze vor der Einfahrt zur Bucht, querab und wir passieren es mit geringem Abstand. Jetzt heißt es: höllisch aufpassen!!!

Vor uns zeigen sich an der stehenden Brandung und dem grünen Wasser einige gefährliche Untiefen. So vorsichtig, wie es bei 7 bft. Halbwind ohne Maschine möglich ist, versuchen wir, diesen Stellen auszuweichen und in blauem Wasser zu bleiben. Leider haben wir von diesem Teil der Bucht überhaupt keine Information und müssen uns auf unsere Augen und unser Gefühl verlassen. Aber es geht alles gut. Die danach folgenden Untiefen Las  Quebrantas  sind wieder im Kartenausschnitt des Sail and Power Nautical Almanach eingezeichnet und auch gut auszumachen.

Bevor wir in der weitläufigen Bucht unseren Kurs  nach Nord ändern müssen, bergen wir vorsorglich das Großsegel. Mit ausgerollter Fock nehmen wir die letzten 2 sm in Angriff. Die werden aber noch einmal zu einer echten Herausforderung. Als wir die nördliche Landspitze der Bucht Pta. Villueira passieren, knallte uns ein Wind aus NO mit 40 kn genau auf die Nase. Uns bleibt nichts anderes übrig als mit Fock dagegen anzukreuzen. Die Bucht ist an dieser Stelle gut  0,5 sm breit. Das Ostufer läuft flach aus während im Westen Untiefen eingezeichnet sind. Backbord voraus ist bereits der Wellenbrecher des Hafens zu erkennen. Mit aller Verzweiflung und ohne Rücksicht auf das Material kreuzen wir hart am Wind gegenan. Bei einer Krängung von über 45° kann ich kaum noch das Ruder halten, aber wir machen gut Höhe. Ich nutze die volle Breite der Bucht aus. Nach dem 3. Kreuzschlag scheint es so, daß wir den Wellenbrecher passieren können. Aber plötzlich kommt uns von Lee ein Fischereifahrzeug in die Quere. Offensichtlich nimmt man von uns überhaupt keine Notiz. Um nicht zu kollidieren, versuche ich nach Luv auszuweichen, mit dem Erfolg, daß wir mehr und mehr an Fahrt verlieren. Mein Herz rast  zum Zerbersten! Als uns das Fischerboot endlich passiert, lasse ich sofort abfallen um wieder Fahrt aufzunehmen. Die Sekunden erschienen uns wie Stunden. Endlich treiben wir  nicht nur seitlich auf den Wellenbrecher zu, sondern das Boot bewegt sich auch wieder vorwärts. Mit einem Abstand von vielleicht 5 m passieren wir den Kopf des Wellenbrechers. Wir versuchen, so dicht wie möglich an den Steg der Marina heranzukommen, schießen dann in den Wind,  werfen Anker und stecken bei 6 m Wassertiefe ca. 30 m Kette. Bei weiterhin über 30 kn Wind kommt die Kette sofort steif, aber der Anker hält.

Erst einmal atmen wir alle drei tüchtig durch. Wir sind ohne Schaden angekommen, der Rest wird sich schon finden.

Nach einiger Zeit sehen wir jemanden auf dem Steg der Marina, der zu uns herüberschaut. Wir versuchen, ihm durch Handzeichen verständlich zu machen, daß unsere Maschine nicht einsatzfähig ist. Er verschwindet dann wieder und  einige Zeit später erscheint er mit 3 Männern. Es gibt ein kurzes Gespräch zwischen den Vier und bald darauf  legt ein  Motorschiff ab, kommt zu uns rüber und übergibt eine Schleppleine. Mit Unterstützung

 

unserer Helfer gelingt es zuerst, den Anker frei zu bekommen (an ihm hing ein ca. 50 kg Erdbatzen, ein Stück. Fischernetz und  ein 5 m Tau). Dann werden wir sicher zum Steg geschleppt, wo wir um 11.00 Uhr das Boot festmachen können. Zu allererst bedanken wir uns bei unseren Helfern, schließen dann unser Akku-Ladegerät an das Stromnetz an und melden uns an der Rezeption. Kurz vor Schalterschluss (12.00 Uhr) stürmen wir die Bank im nahe gelegenen Ort, um ein paar span. Peseten einzutauschen und bereits eine halbe Stunde später fallen wir in die Kojen und in den Schlaf -  bis wir gegen 22.00 Uhr von Kanonenschüssen und Lärm geweckt werden. Zuerst können wir uns diese Ruhestörung nicht recht erklären. Aber da wir inzwischen auch tüchtigen Hunger haben, wälzen wir uns aus den Kojen, um im Ort noch ein Restaurant zu suchen. Das ist gar nicht so einfach. Es gibt zwar alle paar Meter ein Kaffeehaus aber nirgends etwas zu essen. Nachdem wir schon fast durch den Ort durch sind, haben wir dann doch Erfolg. Inzwischen ist uns auch der Grund für den Lärm klar geworden: La Curunia, die Hauptstadt der Region, hat gerade die spanische Fußballmeisterschaft gewonnen.

 

Die Wetterprognose für den kommenden Tag klingt nicht berauschend - Wind aus NO mit 6 - 8 bft. Vor uns liegt das berüchtigte Cabo de Finisterre. Aber wir wollen nicht länger warten. Die Akkus sind wieder voll und keiner weiß, wie sich das Wetter in den nächsten Tagen entwickeln wird. Nachdem wir uns von dem freundlichen Marina-Personal verabschiedet haben, legen wir um 12.00 Uhr ab. Solange wir uns noch in der Bucht befinden, lassen wir die Maschine laufen. Am Ausgang der Bucht empfängt uns bereits eine kräftige Welle. Mit 2/3 ausgerollter Fock und achterlichem Wind machen wir gut 6 kn Fahrt. Anfangs wollen wir noch den Landschutz nutzen, andererseits dem berüchtigten Kap auch nicht zu nahe kommen. Um 14.30 Uhr liegt das Cabo de Finisterre 1,5 sm an Backbord. Es ist schon ein beeindruckender Felsen. Inzwischen ist das Kap auch seinem Namen gerecht geworden - es weht mit 38 - 42 kn und gewaltige Wellen rollen aus verschiedenen Richtungen auf uns zu. Schon längst haben wir die Pinne wieder selbst in die Hand genommen. Trotzdem fühlen wir uns in unserem Boot sicher. Um diese Feststellung noch zu untermauern, will uns Karl ausgerechnet am Kap bei Sturm mit einer heißen Suppe überraschen. Der gefüllte Kochtopf landet jedoch nicht auf dem Herd, sondern fliegt statt dessen durch die Kabine, jetzt war erst einmal Schluss mit lustig.

So wie der Kochtopf fliegen auch wir selbst durch das Boot. Nachdem wir bereits in der Biskaya mehrmals die Türfüllung der Toilettentür eingedrückt hatten, fliegt sie nun endgültig raus. Die schwerste Arbeit ist, sich unter Deck an- oder auszuziehen. Sobald man sich nicht mit wenigstens einer Hand irgendwo festhalten kann, wird man zum Spielball der Elemente.

 

Der Sturm bläst den ganzen Tag und die Nacht. Der Rudergänger muss regelmäßig “Vollwaschgänge” über sich ergehen lassen. Den 4-Stunde-Rythmus können wir nicht mehr

einhalten. Nach 2 Stunden brennen die Augen und der Kompass ist kaum noch zu erkennen. Zum Glück wird es nicht mehr so kalt. Dafür nimmt der Schiffsverkehr  stark zu. Wir bewegen uns östlich der Hauptschifffahrtslinie. Bereits in der Nacht haben wir ständig Sichtkontakt zu Fracht -und Fahrgastschiffen, die uns in geringem Abstand passieren. In den frühen Morgenstunden gesellen  sich noch  eine Vielzahl von Fischereifahrzeugen hinzu.

In den Vormittagsstunden des 21. Mai lässt der Sturm merklich nach, und ab Nachmittag herrscht Flaute. Auch die See beruhigt sich sehr schnell. Uns kommt das plötzlich vor wie Urlaub. Endlich können wir mal wieder ungestört essen, trinken, die Toilette benutzen und schlafen. Für die Nacht legen wir noch einmal unseren Kurs fest. Die nächste markante Position, die Felseninseln Farilhao vor Peniche müssten wir in den Morgenstunden des nächsten (und wahrscheinlich auch unseres letzten) Tages erreichen.

 

 

 

Die Nacht verläuft ruhig. Es ist warm und der Autopilot nimmt uns die Arbeit ab. Wer wachfrei hat, kann ruhig schlafen. Wiederholt begleiten uns Delphinschulen. Sie sind im Mondlicht sehr gut zu erkennen.

 

Nach einem gemütlichen Frühstück im Cockpit passieren wir gegen 11.00 Uhr die erwähnte Inselgruppe. Hier müssen wir auf Untiefen und Fischnetze aufpassen. Wir nehmen jetzt Kurs auf das Cabo da Roca. Inzwischen hat der Wind wieder etwas aufgefrischt und weht mit 12 - 15 kn aus Nord.

Um 17.30 Uhr passieren wir das Cabo da Roca und steuern von dort parallel zur Küste die Mündung des Tejo an. Über UKW K 62 melden wir uns in der Marina Cascais an und gegen 21.00 Uhr kommt der Wellenbrecher der Marina in Sicht. An der Einfahrt zur Marina werden wir bereits erwartet, und nachdem  alle Formalitäten erledigt sind  machen wir unser Schiff  am 22.Mai um 21.40 Uhr am Steg fest.

Seit Plymouth haben wir in knapp 9 Tagen 990 sm zurückgelegt, davon 720 sm unter Segel.

Einen Tag davon lagen wir notgedrungen  in Camarinas. Das ergibt eine Durchschnitts-geschwindigkeit von über 5 kn. Damit können wir wirklich zufrieden sein.

 

Am nächsten Morgen verabschieden sich Karl und Hartmut. Sie wollen das nächste mögliche Flugzeug nach Hause erreichen. Ich habe mir noch zwei Tage Arbeit am Boot vorgenommen. Es gibt doch noch einiges zu tun. Aber dann steht auch für mich der Rückflug an. Wie werde ich wohl unsere SOLEIL II in einem Monat vorfinden ?

 

 

3. Etappe: von Lissabon zum Mar Menor / Spanien

 

Ende Juni sitze ich mit meiner Frau Heidi im Flugzeug nach Portugal. In den nächsten 3 Wochen werden wir mit unserem Boot Urlaub machen und dabei bis in die Nähe von Alicante segeln. Unser Ziel ist eine Marina im Mar Menor, wo wir unsere Yacht über Winter liegenlassen wollen. Vor uns liegen ca. 700 sm. Da der Urlaub nicht zu kurz kommen soll, haben wir uns die Strecke in verschieden lange Etappen aufgeteilt.

Aber bei unserer Ankunft in der Marina gilt es zuerst einmal, einen riesigen Schreck zu überwinden - in unserer Abwesenheit hatte jemand versucht, in das Boot einzubrechen. Die Tür zum Niedergang sowie das Steckschot sind total zerstört, aber das Schoß hat gehalten. Uns fällt ein Stein vom Herzen.

Am nächsten Tag machen wir erst einmal Klarschiff . Auch einige notwendige Reparaturen und Ausbesserungen (im Ergebnis der Tour durch die Biskaya) sind fällig. Trotzdem bleibt noch Zeit, die großartige Stadt Lissabon zu erkunden. Gern würden wir dafür  mehr Zeit verwendet, aber die vor uns liegenden Seemeilen mahnen zum Aufbruch.

Am 27. Juni werfen wir gegen Mittag die Festmacher los. Am Ausgang der Marina füllen wir noch einmal unseren Dieseltank, dann geht es ab gen Süden. Unser Ziel ist es, das Cabo da Sao Vicente am Morgen des nächsten Tages zu erreichen und nach dem Passieren einen geeigneten Ankerplatz zu finden.

 

Die ersten Meilen treibt uns der Portugisische Norder noch mit 3-4 bft. voran, aber am Nachmittag schläft er immer mehr ein. Uns bleibt nichts anderes über, wir müssen die Maschine starten.

Eine unangenehme Restwelle lässt uns nicht so recht  zur Ruhe kommen. Hinzu kommt, dass wir uns erst einmal wieder an die Wasserbewegung gewöhnen müssen - kurz gesagt: es ist zum Kot...

 

 

Die Nacht verläuft recht ruhig. Das  Meer beruhigt sich etwas und gegen Mitternacht liegt Sines, der einzige für Yachten geeignete Hafen in diesem Gebiet, querab. Die Schiffsbewegungen halten sich im Rahmen. Die Hauptschifffahrtslinie verläuft etwa 10 sm von uns entfernt.

Bei Sonnenaufgang haben wir uns der Südwestspitze Europas schon sehr weit genähert. In den späten Vormittagsstunden passieren wir das Cabo da Sao Vicente, natürlich werden (wieder viel zu viele) Fotos geschossen. Aber alle paar Minuten bietet dieses Cap andere beeindruckende Ansichten.

Plötzlich setzt auch der Wind wieder ein. Während wir gegen 12,00 Uhr in der Bucht vor Sagres Anker werfen, bläst er bereits mit 25 kn aus Nord über uns hinweg. Als ich unser Schlauchboot auf Deck aufblase, „erleichtert“ mir der Wind plötzlich das zu Wasser lassen. Er erfasst das Schlauchboot ganz plötzlich und wirft es über die Reeling. Nach einem kurzen Schreck springe ich hinterher und kann es  gerade noch einfangen.

Die Bucht bietet uns vor den Wellen, nicht aber vor den Windböen Schutz, aber auf gut haltendem Sandgrund liegt unsere Yacht sicher. Jetzt haben wir auch wieder etwas Zeit für uns. Heidi brät ein paar leckere Hühnerbeine und serviert sie mit Kartoffelbrei und einem kühlen Bier.

Mit diesem Essen ist unsere Eingewöhnungsphase beendet und nun kann der Urlaub beginnen.

 

Am nächsten Morgen lichten wir, nach einem erfrischenden Bad und einem ausgiebigen Frühstück, den Anker. Bei kräftigem Halbwind segeln wir die Küste ab. Nach dem Kap hat sich die Landschaft total verändert. Steile, schroffe Felsen, kleine Buchten, versteckte Sandstrände. Am Nachmittag entscheiden wir uns, vor einer Steilküste auf  6 m

Wassertiefe zu ankern. Bis Lagos sind es noch 7 sm. Sonderlich guten Schutz bietet uns dieser Platz zwar nicht, aber der Wind ist ablandig und scheint für uns keine Gefahr zu bringen.

Noch am gleichen Tag bereiteten wir unseren Außenbordmotor vor. Der kräftige Wellengang beschert  uns dabei allerdings einige Probleme. Schließlich wollen wir den Motor nicht gleich am ersten Tag im Meer versenken. Unsere geplante Erkundungsfahrt in die naheliegenden Buchten und Grotten müssen wir also verschieben. Zu sehr pfeift uns der Wind um die Ohren und wir wollen auch nicht gerade auf das offene Meer getrieben werden.

 

In der Nacht lässt der Wind deutlich nach und am nächsten Morgen empfängt uns ein ruhiges Meer. Jetzt steht einer Schlauchboot-Erkundungsfahrt nichts mehr im Wege. Wir starten noch vor dem Frühstück. Langsam gleiten wir an traumhaft schönen Buchten und Grotten vorbei. Vorsichtig steuern wir unser Schlauchboot durch schmale Gänge. In einer kleinen einsamen Bucht ziehen wir unser Boot auf den Sandstrand und genießen die Ruhe - bis die ersten Ausflugsschiffe erscheinen !

Schnell kehren wir wieder zu unserer “SOLEIL” zurück und frühstücken erst einmal.

Gegen Mittag lichten wir den Anker, mit etwas Mühe, denn er hatte sich unter einem Stein verkeilt.

Bei 4-5 bft. Halbwind segeln wir die eindrucksvolle Küste gen Osten ab und versuchen dabei, so dicht wie möglich unter Land zu bleiben.

Vor etlichen Jahren hatte ich in einem Hotel in der Nähe von Armacao de Pera meinen Urlaub verbracht. Ich erinnere mich noch gut daran, daß das Hotel oberhalb einer weitläufigen schönen Bucht lag, die von schroffen Felsformationen begrenzt  ist. Dort wollen wir am Abend  ankern. Wir erreichen die Bucht am späten Nachmittag. Vom Wasser her ist sie noch schöner, als ich sie in Erinnerung hatte. Auf 5 m gut haltenden Sandgrund werfen wir den

 

 

Anker. Die Bucht ist gut gegen die nördlichen Winde geschützt. Bei einer Winddrehung auf S oder SO können wir die Bucht wieder gefahrlos verlassen.

 

Am späten Nachmittag bereite ich das Schlauchboot vor, um an Land Getränke und Obst einzukaufen. “Ordentlich” angezogen und mit dem nötigen Geld mache ich mich sofort auf den Weg. Dicht vor dem Strand stoppe ich den Außenborder und springe aus dem Boot, um es auf den Sand zu ziehen.

Ich habe mich wohl etwas in der Wassertiefe verschätzt , denn ich finde keinen Grund unter meinen Füßen, tauche bis zum Hals ein und lege die letzten Meter zum Strand schwimmend, das Schlauchboot im Schlepptau, zurück. Ich muss ein urkomisches Bild abgegeben haben, denn Heidi, die diese Aktion von der Yacht aus beobachtet , biegt sich vor Lachen. Schnell, ohne bei den Badegästen zu viel Aufsehen zu erregen, klettere ich wieder in das Boot und brumme zurück. Bevor ich zum zweiten Versuch starten kann,  müssen jetzt erst einmal die Sachen wechselt und die Geldscheine getrocknet werden.

 

Wir verbringen eine ruhige Nacht in der Bucht.  Den nächsten Tag, den 1. Juli, beginnen wir mit einem ausgiebigen  erfrischenden Bad. Nach dem Frühstück ist noch einmal “Fototermin” und dann wird der Anker gelichtet. Ziel ist die nur 23 sm entfernte Marina Vilamoura.

Die Küste verändert sich nun zusehends und wird flacher. Um 14.45 Uhr passieren wir die Einfahrt der Marina und bekommen, nachdem wir uns an der Rezeption angemeldet haben, einen Liegeplatz zugewiesen.

Vilamoura ist eine der größten und modernsten Marinas Portugals und Ausgangsbasis vieler Yachten mit Ziel Kanaren. Um so unverständlicher ist es für uns, daß wir zwar in unmittelbarer Nähe unseres Steges die teuersten Schmuck und Modegeschäfte vorfinden, das nächste Lebensmittelgeschäft aber erst in etlicher Entfernung aufspüren. Diese Feststellung sollten wir auf unserem weiteren Törn noch öfter machen. Rings um die Marina tummeln sich viele Touri-Restaurants, Bars und Designer-Buden. Wir finden in der “3. Reihe” ein nettes Lokal und essen dort sehr gut zu Abend.

 

Unsere nächste Etappe soll über 135 sm bis nach Barbate (Spanien) führen. Barbate haben wir als letzten Hafen vor Gibraltar ausgewählt. Aus den vorhandenen Unterlagen wissen wir, daß Barbate möglichst nicht nachts und bei starken westlichen Winden angelaufen werden sollte. Wir planten die Etappe also  entsprechend, um in den Vormittagsstunden anzukommen.

Um 10.15 Uhr werfen wir die Festmacher los, und nachdem wir noch einmal  Diesel gebunkert haben, gehen wir auf Kurs SO. Bei leichtem achterlichen Wind machen wir 6 kn Fahrt.

Nachmittags nimmt der Wind deutlich zu und bei 6 bft. binden wir ein Reff in das Groß.

Die Nacht verläuft anfangs recht ruhig. Als gegen Mitternacht der Wind einschläft, starten wir die Maschine. In einer unangenehme alten Welle von achtern geigt das Schiff recht heftig.

Gegen 03.30 löst mich Heidi im Cockpit ab. Der Kurs Barbate liegt an. In einiger Entfernung sind Positionslichter von Schiffen zu erkennen.

Ich muß gerade eingeschlafen sein, als plötzlich die Maschine abrupt stoppt. Sofort bin ich hellwach und stehe im Cockpit. Heidi ist genau so erschrocken wie ich und hat keine Erklärung. Zuerst schalte ich die Zündung aus. Mit Taschenlampe leuchte ich den Motorraum aus, kann aber nichts erkennen.

Im Rhythmus der stampfenden Schiffsbewegung ist ein lautes  metallisches Klappern zu vernehmen.

Als ich über die Bordwand blicke, sah ich die Bescherung. Neben uns treibt ein zu einer dicken Wurst zusammengewickeltes Fischernetz, dessen Schwimmkörper gegen das Boot schlagen. Das eine Ende der “Wurst” verliert sich hinter dem Heck während das andere Ende

 

an unserer Schraube und unserem Ruder hängt. Weit und breit sind keine beleuchteten Tonnen zu erkennen. Das Netz trieb hier völlig unbewacht und ungesichert.

 

Nachdem ich den ersten Schreck überwunden habe, steige ich, angeseilt und mit Messer und Taschenlampe bewaffnet, in das Wasser. Erst einmal gilt es, das Boot wieder frei zu bekommen. Die Positionslichter von Fischereifahrzeugen sind nicht sehr weit entfernt, und auf eine Konfrontation mit einheimischen Fischern wollen wir es nicht ankommen lassen. Bei der Dunkelheit und der heftigen Schiffsbewegung traue ich mich nicht, unter das Boot zu tauchen. Ich will zuerst das zusammengedrehte Netz möglichst dicht hinter dem Boot durchtrennen, um wieder freizukommen. Es dauert gut eine Viertelstunde, bis endlich das Boot anfängt,  Fahrt aufzunehmen. Von dem Rest des Netzes sind wir nun zwar frei, die Welle ist jedoch noch immer blockiert. Nur, für diese Arbeit brauche ich Tageslicht. Völlig erschöpft falle ich in die Koje und Heidi steuert inzwischen die SOLEIL unter Fock aus dem Gefahrenbereich.

Inzwischen ist die  Sonne aufgegangen und nach einer kleinen Stärkung gehe ich wieder an die Arbeit. Jetzt ausgerüstet mit Taucherbrille, Schnorchel sowie Messer und Schere muss ich unter das Boot tauchen, das von den Wellen heftigen hin und her geworfen wird. Mit einer Hand halte ich mich an der Schiffsschraube fest, während ich mit dem Messer die Reste des Netzes von der Welle löse. Mehrmals schlagen mir die Wellen den Schiffsboden auf den Kopf. Auch vor den scharfen Kanten der Badeleiter und des Ruders muss ich mich in Acht nehmen. Endlich, nach vielleicht 10 Minuten ist das letzte Stück Netz entfernt. Erschöpft, erleichtert und mit eine tüchtigen Prise Salzwasser im Bauch klettere ich wieder in’s Schiff. Der erste Versuch, die Maschine zu starten, führt sofort zum Erfolg. Uns fällt ein Stein vom Herzen. Die letzten 12 sm bis Barbate können in Angriff genommen werden.

Um 10.30 Uhr liegen wir am Steg in der Marina. Trotz unseres nächtlichen Abenteuers haben wir die 135 sm in genau 24 Stunden geschafft.

 

Der nächste Tag beginnt (für unsere Verhältnisse) recht früh. Bereits um 09.45 Uhr legen wir ab. Nachdem wir die vor der Bucht ausgelegten Fischernetzen hinter uns gelassen haben (nun verstehen wir auch, weshalb man eine Ansteuerung dieser Marina bei Nacht vermeiden soll), gehen wir bei schwachem Wind aus West auf Südkurs. 13.45 passieren wir Tarifa und biegen in die Straße von Gibraltar ein. Der Wind bläst weiterhin aus West und ein Gezeitenstrom von 1,5 kn läuft mit uns. Wir halten uns etwa 2 sm von der spanischen Küste frei und kommen zügig voran. Die Sicht ist gut. Die afrikanische Küste scheint zum Greifen nahe. Heidi hat plötzlich eine tolle Idee:  “Komm, lass uns nach Tanger segeln”. Reizvoll ist der Gedanke schon, aber ohne Detailkarten und ohne Hafenplan erscheint es mir dann aber doch zu waghalsig. Wir bleiben also bei unserer geplanten Route.

Die Straße von Gibraltar ist bekanntermaßen stark befahren, aber das Verkehrstrennungsgebiet lbefindet sich in sicherem Abstand.

Als gegen 15.45 der Affenfelsen von Gibraltar vor uns liegt, hat der Wind auf 5-6 kn aufgefrischt und schiebt uns zügig in die Bucht hinein. Hier erwartet uns nicht nur ein tüchtiger Wellengang, sondern auch reger Schiffsverkehr. Wie zur Begrüßung passiert uns dann auch noch eine Delphin-Schule.

Um 16.30 haben wir die Einfahrt zur Queensway-Marina erreicht und lassen uns über Funk einen Liegeplatz zuweisen. Eine Viertelstunde später liegt unsere SOLEIL II sicher an einem Pontonsteg.

Für den Abend haben wir uns eine Stadterkundung vorgenommen. Daraus wird aber leider nichts. In Gibraltar gelten die britischen Ladenöffnungszeiten. Um 18.00 Uhr ist bereits alles geschlossen. Auf den Straßen liegen Müllbeutel und Verpackungsreste aus den Geschäften. Uns bleibt nur die Flucht in ein Restaurant - wie wir später feststellen müssen, eine sehr teure Flucht. Aber das Abendessen  hat wenigstens einigermaßen geschmeckt.

 

Zurück in der Marina sprechen wir die Planung für den nächsten Tag durch. Eigentlich wollten wir einen Tag in Gibraltar bleiben und u.a. auf den Affenfelsen hochfahren. Die Erlebnisse der letzten Stunden haben aber unser Interesse an der Stadt merklich schwinden

lassen. Wir entscheiden uns daher kurzfristig, bereits am nächsten Morgen wieder auszulaufen.

 

Nach dem Frühstück werfen wir die Festmacher los und verlassen die Bucht. Uns weht ein leichter Wind aus Ost entgegen, der uns dazu zwingt, die Maschine zu starten. Das ändert sich leider auch nicht in den folgenden Stunden. Unser Ziel ist die 43 sm entfernte Marina Cabopino.

Gegen Mittag taucht neben uns eine große Gruppe von Delphinen auf, die uns darauf hin eine ganze Weile begleiten. Plötzlich entdeckt Heidi dicht neben unserem Boot eine große Wasserschildkröte, die dann langsam wieder in unserem Kielwasser verschwindet.

Am Nachmittag nimmt der Wind deutlich an Stärke zu. Bei 20..23 kn aus Ost setzen wir die Fock zur Unterstützung, um den Motor etwas zu entlasten.  Aber viel hilft es nicht. Die letzten 6 sm haben wir den Wind von inzwischen 6 bft. genau auf der Nase. Um 20.30 laufen wir in die Marina ein. Wir wollten uns vorher bereits per Funk anmelden, aber die Rezeption war nicht mehr besetzt. Uns bleibt nichts anderes übrig als uns selbst nach eigenem Ermessen für einen Liegeplatz zu entscheiden. Platz ist genügend vorhanden und so fischen wir uns eine Mooring und legen das Boot mit dem Heck an den Steg. Zu unserem Erstaunen befinden sich außer uns nur noch 3 andere Segelyachten in der Marina, sonst nur Motorboote. Die Erklärung dafür bekommen wir am nächsten Tag. Früh erscheint ein Marinero bei uns und klärt uns darüber auf, daß die Marina z. Z. eigentlich für Segelyachten gesperrt sei. Die Einfahrt ist stark versandet und hat bei Niedrigwasser nur noch eine Tiefe von 1.20 m. Wir sollen daher unbedingt bei Flut auslaufen.

Bei unserem Tiefgang von nur 1,0 m mache ich mir keine großen Sorgen. Am Donnerstag, dem 6.Juli um 10.45 bei totaler Flaute laufen wir aus und nehmen Kurs auf  Velez. Unsere geplante Tagesstrecke liegt etwas über 40 sm und das Wetter scheint uns wieder einen verhassten „Motor-Tag“ zu bescheren. Als später leichter Wind aus Ost aufkommt, können wir wenigstens die Fock und das Groß zur Unterstützung und als Sonnenschutz setzen.

Heute will ich auch wieder einmal mein Angelglück versuchen und bereite die Schleppangel vor. Der Köder, eine Fisch-Attrappe, ist auch noch gar nicht lange im Wasser, da biegt sich die Angel plötzlich gewaltig durch. Aufgeregt und voller Vorfreude beginne ich die Sehne aufzurollen, bis ich mit Schrecken feststelle, dass sich eine Möwe auf den Köder gestürzt hat. Das Boot macht gut 5 kn Fahrt und der Zug an der Angel ist gewaltig. Was soll ich machen? Die Frage klärt sich zum Glück von selbst. Nach ein paar Minuten ist die Angel plötzlich wieder frei, die Möwe hat sich selbst befreit. Inzwischen kreisen aber bereits die nächsten Vögel gierig über dem Gummifisch. Schnell gebe ich mehr Angelsehne frei und halte die Angel flacher, so daß der Köder tiefer unter Wasser sinkt.

Das Wetter hat sich inzwischen nicht wesentlich geändert. Das Meer ist ruhig. In weiter Ferne an Steuerbord hatte ich vor einiger Zeit ein Segelboot, wahrscheinlich einen Motorsegler ausgemacht. Sonst ist absolute Einsamkeit ringsum. Heidi sitzt im Cockpit und ist in ein Buch vertieft und ich entschließe mich, ein paar Erfrischungen aus dem Kühlschrank zu holen.

Ich habe gerade die Gläser gefüllt und bin auf dem Weg zurück, als Heidi plötzlich in panischer Angst nach mir schreit. Ich stürze den Niedergang hinauf und stolpere, noch mit einem Glas in der Hand, in das Cockpit. Im Fallen kann ich noch dicht vor uns die Bordwand eines Bootes ausmachen. Ich werfe den Autopiloten von der Pinne und reiße im gleichen Moment das Ruder herum. Ich traue mich kaum, nach vorn zu sehen und erwarte jeden Augenblick den Zusammenstoß, aber wenige Meter hinter dem Heck eines großen Motorseglers, voll besetzt mit Ausflugsgästen, ziehen wir vorbei.

 

 

Wir konnten uns im nachherein nicht erklären, wie das überhaupt passieren konnte. Ich hatte das Boot zwar vorher gesehen, aber es war weit entfernt und steuerte zu diesem Zeitpunkt einen parallelen Kurs.

 

Nun gut, es war zum Glück nichts passiert und der Schiffsführer des Motorseglers hatte offensichtlich nicht einmal etwas bemerkt. Aber uns war es doch eine Lehre!!

 

Die Marina Velez liegt am Torre de Mar. Der gesamte Küstenabschnitt macht einen geradezu abschreckenden Eindruck. Vollgepackt mit Hotelburgen und Appartment-Komplexen ist von Natur nicht mehr viel zu erkennen. Auf dem Wasser schwimmt eine Unmenge von Unrat, Plaste und Papiermüll. Nicht viel besser sieht es in der Marina aus. Hier kann uns wahrlich nichts länger halten....außer Nebel.

Unsere “Flucht” am nächsten Morgen müssen wir leider verschieben. Dichter Nebel macht ein Auslaufen unmöglich. Als sich gegen Mittag die Sicht leicht bessert, wagen wir uns gegen 13.30 Uhr doch hinaus. Die ersten Meilen steuern wir vorsichtig unter Motor, nur nach Kompass aus der Bucht. Nachdem wir das offene Wasser erreicht haben, lichtet sich zum Glück der Nebel, aber es ist bereits zu spät, um noch vor Sonnenuntergang unser nächstes Ziel, die Marina in Motril, zu erreichen. Wir suchen uns deshalb eine Ankerstelle für die Nacht, aber das Angebot ist nicht sehr reichhaltig. Von den grässlichen Hotelkomplexen ist seit Verlassen der Bucht von Velez zum Glück nichts mehr zu sehen. Die Steilküste und schroffen Felswände lassen, Gott sei Dank, keine Bebauung zu.  Zuletzt entscheiden wir uns für eine Stelle, welche die Bezeichnung “Bucht” wohl nicht verdient hat. Dicht vor dem Sandstrand liegen wir auf  4m Tiefe fast in der Brandung. Es wird eine recht unruhige Nacht, der starke Schwell lässt uns kaum zum Schlafen kommen, aber der Anker hält gut.

Am nächsten Morgen lichten wir früh 07.20 den Anker und nehmen Kurs auf  das 12 sm entfernte Motril. Wir ahnen noch nicht, was uns in den nächsten Stunden erwarten wird. Nachdem wir die ersten 6 sm bei Flaute zurückgelegt haben, bläst uns plötzlich innerhalb von wenigen Minuten ein Starkwind mit 7 bft. aus Ost entgegen. Gegen die immer höher werdenden Wellen hoffen wir, im Hafen von  Motril  Schutz zu finden. Fehlanzeige ! Im Hafenbecken hat sich bereits ein gewaltiger Schwell aufgebaut. An den Stegen der Marina sind keine Liegeplätze frei. Außerdem sind da bereits jetzt alle verfügbaren Kräfte damit beschäftigt, die wild tanzenden Boote, so weit überhaupt möglich, zusätzlich abzufendern, um sie vor Beschädigungen zu schützen. Uns bleibt nichts anderes übrig als im Hafenbecken vor den Stegen der Marina zu ankern. Angesichts der wilden Hektik an den Liegeplätzen sicherlich auch die bessere Variante.

 

Aber eigentlich hatten wir uns für Motril einen anderen Plan zurechtgelegt. Von hier aus wollten wir mit dem Bus einen Ausflug nach Granada unternehmen. Aber daran ist im Moment nicht zu denken. Also nutzen wir die Zeit, um erst einmal etwas zu essen. Neben uns ankert noch ein Norweger mit einer kleinen Yacht. Mitten im Sturm kommt noch eine deutsche 12 m-Yacht mit 1 Mann Besatzung. Das Ankermanöver  mit den Booten der Marina in Lee, und ohne Ankerwinsch wird dann auch äußerst abenteuerlich. Zuerst fällt der Anker zu dicht vor den Stegen. Als der Skipper bemerkt, dass er auf die anderen Boote getrieben wird, will er den Anker (per Hand) wieder aufholen, bei dem Winddruck aber unmöglich. Nun stürzte er sich wieder in das Cockpit, tourte den Motor auf Volllast und zerrte den Anker hinter sich her durch den Hafen, über unser Ankergeschirr hinweg. Dass er dabei unsere Kette nicht erwischt hat, bleibt mir bis jetzt ein Rätsel. In jetzt endlich ausreichenderem  Abstand  lässt er nun weitere Ankerkette nach und zum Glück findet der Anker im Sandgrund auch Halt. Uns allen war ein tüchtiger Schreck in die Glieder gefahren.

Auch der „einsame“ Skipper gibt uns mit blutender Hand zu verstehen, dass das Abenteuer für ihn nicht ohne Folgen geblieben ist.

 

Gegen Mittag lässt der Wind deutlich nach und wir wollen nun doch noch unser Vorhaben durchsetzen. Mit dem Schlauchboot setzen wir zur Marina über und ziehen es dort an Land. Nach einigen vergeblichen Versuchen gelingt es uns dann auch noch, die entsprechende Bus-Haltestelle zu finden und um 14.00 Uhr sitzen wir im Bus nach Granada.

 

Die Alhambra, zeitweise maurische Residenz und Festung, ist beeindruckend und wirklich einen Besuch Wert. Es wird ein erlebnisreicher und wunderschöner Ausflug, den wir lange in Erinnerung behalten werden.

 

Nach diesem Abstecher in die Geschichte führt uns der nächste Tag in die Gegenwart zurück. Almerimar, eine moderne, große Marina mit einem Umfeld aus der Retorte, erreichen wir am Abend nach 40 sm  -  gegen den Wind. Platz ist noch genügend vorhanden und an der Kai-Mauer liegen wir sicher und geschützt. Von hier können wir nun endlich auch unsere Urlaubsgrüße per Post an Freunde und Verwandte abschicken. Ich bin mir sicher, daß an dem Kasten, in den ich die Karten geworfen hatte, auch ein Postzeichen war. Zuhause angekommen ist bis heute nicht eine.

 

Heute ist der 10. Mai. Der Wetterbericht hat Starkwind aus West angekündigt. Endlich einmal Wind aus der richtigen Richtung. Das Wort „Starkwind“ konnte uns dabei nicht erschrecken. Als ich unseren Liegeplatz bezahle und erwähne, dass wir gleich starten wollen, schauen mich die Marineros allerdings etwas zweifelnd an. Es war Wind mit 6-7 bft. in Böen darüber angekündigt. Bereits jetzt pfeift es schon recht bedrohlich in den Wanten. Aber wir wollen weiter und die Windrichtung nutzen.

 

Die Ausfahrt aus der Marina ist nicht ganz problemlos. Der Wind bläst uns dort mit 6 bft in’s Gesicht und wir “kriechen” mit 2 kn Fahrt aus dem Hafen. Kaum haben wir den Schutz der Wellenbrecher verlassen, packt uns auch die kräftige Welle und wir müssen aufpassen, nicht gegen die aufgeschütteten Steine gedrückt zu werden. Nach ein paar bangen Minuten haben wir genügend Freiraum geschaffen und können die Fock, etwas später auch das Groß mit einem Reff setzen. Das Schiff nimmt schnell Fahrt auf und mit 25 kn achterlichem Wind haben wir schnell die Küstenregion hinter uns gelassen. Wir wollen quer über den Golf von Almeria segeln und hinter dem Cabo da Gato in der Bucht Pto. Genoves ankern. Anfangs sind noch 2 weitere Segelyachten in Sichtweite, aber die biegen später in den Golf von Almeria ein und wir sind allein. Je länger wir unterwegs sind, um so mehr wachsen die Wellen an. Der Wind hat inzwischen 7 bft. mit Sturmböen erreicht. Aber nicht der Wind und die Wellen machen uns die größten Sorgen. Wir waren so dumm, bei diesem Wetter unser Schlauchboot hinterher zu ziehen. Das wird jetzt von Wind und Wellen hin und her geworfen, gegen das Heck geschleudert oder von Böen einfach in die Luft geworfen und umgedreht. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Schleppleinen reißen oder die Halteösen abfetzen. Als es wieder einmal durch die Luft fliegt und dann auf das Wasser zurückklatscht,  war es passiert. Eine der Leinen reißt durch und wir halten unser Schlauchboot schon für verloren. Notdürftig kann ich eine Ersatzleine befestigen und etwas später gelingt es Heidi, das Schlauchboot an unserem Spiegel  zu verzurren.

Jetzt können wir uns endlich auch wieder entspannter mit Wind und vor allem auch den Wellen “beschäftigen”, die inzwischen mit gut 5 m Höhe von achtern auf uns zurollen. Nachdem wir zwischenzeitlich schon wiederholt mit über 10 kn Fahrt in’s Surfen geraten sind, haben  wir das Groß geborgen und die Fock verkleinert. Trotzdem rauschen wir mit über 8 kn dahin. Es ist ein echtes Segelerlebnis. Dabei  lässt es sich auch nicht vermeiden, daß zweimal Brecher in das Cockpit einsteigen. Vorsorglich hatten wir schon das Steckschot eingeschoben, so daß nichts passieren konnte und das Wasser sofort wieder ablief.

 

 

Auf  halber Strecke nähert sich von steuerbord eine Fähre aus Marokko auf dem Weg nach Almeria, aber rechtzeitig werden wir wohl erkannt und die Fähre  räumt uns die Vorfahrt ein.

Am Cabo da Gato wird es noch einmal spannend. Wir wollen nicht zu dicht an die Felsen heran, müssen aber bereits kurz hinter dem Kap in die Bucht einbiegen. Die Wellen kommen inzwischen aus allen Richtungen und es ist nicht einfach, das Boot auf  Kurs zu halten.

 

Nach Passieren des Kaps suchen wir die Bucht, können sie aber visuell nicht ausmachen. Die Steilküste bildete eine durchgehende Felsenfront. Wir verlassen uns deshalb voll auf unser GPS und steuern die in der Seekarte ermittelte Position an. Diese Entscheidung war richtig, denn aus 1/2 sm Entfernung ist die Bucht nun klar auszumachen. Mit Halbwind rauschen wir hinein. Hier empfängt uns ruhiges Wasser - aber weiterhin bis zu 43 kn Wind. Auf 5 m Sandgrund finden wir trotzdem einen sicheren Platz, weit genug ab vom Strand und den Felsen. Der Anker greift sofort. Wir stecken ausreichend Kette und liegen dann, trotz  pfeifenden Windes, recht ruhig und geborgen.

Diese Bucht ist sehr groß und bietet bei Wind aus westlichen Richtungen hervorragenden Schutz gegen die Wellen. Die Wassertiefe beträgt über Sandgrund durchgängig 4 - 6 m.

Nach dieser aufregenden und spannenden Etappe schmeckt das frisch zubereitete Abendessen mit einem Glas Rotwein besonders gut.

 

Am nächsten Morgen wollten wir früh aufbrechen und unterwegs frühstücken, aber eine alte, chaotische Welle zwingt uns erst einmal wieder in die Bucht zurück. 

Um 09.30 geht es dann doch Anker auf. Der Wind hat inzwischen auf Ost gedreht, so daß wir “endlich” wieder unseren Motor anwerfen dürfen.

Noch haben wir bis zum Mar Menor 135 sm vor uns, aber wir liegen gut im Zeitplan.

Unser heutiges Ziel ist die Marina von Aguilas. Die 50 sm wollen wir vor Sonnenuntergang schaffen.

Der Küstenabschnitt seit dem Cabo da Gato ist felsig und schroff. Wenn wir mehr Zeit hätten, könnten wir sicherlich kleine und einsame Buchten finden. Leider treibt uns der Zeitplan weiter.

Über Funk melden wir uns in der Marina an, erhielten aber eine Absage. Es gibt keine freien Liegeplätze und so müssen wir uns nach einem geeigneten Ankerplatz umsehen. Wir finden ihn in einer Bucht wenige sm weiter NO und ankern dort auf 4 m Sandgrund vor einer “Vogelinsel”. Diese Insel ist Brutstätte einer unübersehbaren Menge verschiedener Seevögel. Neben Kormoranen und Möwen sehen wir u.a. auch Seeschwalben. Die Nacht über ist Ruhe, aber mit dem ersten Sonnenstrahl setzte ein gewaltiges Konzert ein.

 

Heute ist der 12.07.. Noch 2 Etappen bis zum Mar Menor. Wir wollen deshalb so weit wie möglich kommen, um den letzten Tag ruhig angehen zu können. Wenn das Wetter mitspielt, können wir das Cabo de Palos und den dort gelegenen Hafen erreichen. Wenn das Wetter mitspielt !!! Tut es aber leider nicht. Wieder bläst uns der Wind genau auf die Nase. Nicht übermäßig stark, aber eben von vorn. Damit war das Cabo de Palos “gestorben” und wir richten uns auf Cartagena ein. Eine Entscheidung, die wir in nachhinein nicht bereut haben.

Nachdem wir die ersten 2 Stunden beharrlich unter Motor zurückgelegt haben, versuchen wir gegen Mittag, unter Segel zu kreuzen. Nach weiteren 3 Stunden geben wir das Unternehmen aber auf. Zu gering war der Raumgewinn.

Zwischen Aguilas und Cartagena ist starker Fischereibetrieb zu vermerken. Die ausgelegten Netze und Reusen sind aber gut markiert. Man muss aber schon darauf achten, den Trawlern nicht zu nahe zu kommen. Die nachgeschleppten Netze sind oft beachtlich lang. Auch zwischen 2 parallel laufenden Trawlern sollte man nicht unbedingt hindurch wollen.

Nur noch wenige sm vor dem Hafen frischt der Wind (wie jeden Nachmittag) deutlich auf, so daß wir zu guter Letzt wieder gegen 6 bft. anzukämpfen haben.

 

Cartagena ist ein bedeutender Industrie- und Militärhafen. Die Marina, die im hinteren Teil des Hafenbeckens direkt  an der Stadt liegt, wird gegenwärtig noch erweitert. Die Rezeption ist nur behelfsmäßig in einem Baucontainer untergebracht, ein neuer Sanitärtrakt teilweise fertiggestellt.

 

Aber mehr als die Marina ist die Stadt selbst sehenswert. Mit finanzieller Unterstützung der EU ist man gegenwärtig dabei, die wertvolle historische Bausubstanz des Stadtkerns zu sanieren.

Ein Spaziergang durch die Fußgängerzone oder ein Abstecher auf die Burg sind allemal empfehlenswert. Der Tourismus hält sich noch wohltuend in Grenzen.

 

Donnerstag, der 13. Juli - irgendwann ist jede Reise mal vorbei und vor uns liegt nun der letzte Reiseabschnitt. Von Cartagena aus haben wir zuerst 20 sm  nach NW bis zum Cabo da Palos vor uns. Danach sind es noch 7 sm  NO zur Einfahrt zum Mar Menor. Nach Passieren der Durchfahrt verläuft die letzte Strecke auf dem Binnensee 5 sm nach Süden.

Ein Wind mit 5-6 bft. aus NO (!) zwingt uns zunächst erst einmal wieder, unter Maschine zu laufen. Eine unangenehme hackige Welle schüttelt uns bis zum Kap tüchtig durch. Zusätzlich müssen wir aufpassen, den vielen Fischereifahrzeugen rechtzeitig aus dem Weg zu gehen. Ca. 1 sm steuerbord taucht überraschend ein U-Boot auf und setzt seine Fahrt über Wasser fort.

Kurz nach 13.00 haben wir das Kap passiert. Jetzt können wir den Wind aus NO endlich für uns nutzen. Mit halbem Wind und unter voller Besegelung genießen wir die nächsten Meilen. Nun hätte die Strecke ruhig noch etwas länger sein können.

Laut Törnführer Spanien soll die Drehbrücke, welche die Durchfahrt zum Mar Menor freigibt, in der Saison stündlich geöffnet werden und wir wollen dieses Nadelöhr um 15.00 Uhr passieren. Wir sind auch pünktlich dort, aber die Brücke bleibt zu. Aus einem vorbeifahrenden Motorboot erfahren wir, daß die Brücke nur alle 2 Stunden und das nächstemal um 16.00 geöffnet wird. Nun gut. Also nutzen wir die verbleibende Zeit auf unsere Weise, gehen an der Mündung zur Durchfahrt vor Anker und  Heidi bereitet ein warmes Mittagessen vor. Pünktlich um 16.00 sind wir dann zur Stelle.

Die letzten  Meilen unter Segel bei schönstem Wetter stimmen uns etwas wehmütig. Gern hätten wir jetzt noch ein paar Tage (am besten sogar ein paar Monate) angehängt.

 

Um 17.30 fahren wir in die Marina Los Nietos ein. Hier soll unsere SOLEIL II eine vorläufige “neue Heimat” finden und nach einigen anstrengenden Verhandlungen auf englisch, deutsch und hauptsächlich spanisch, bei denen wir dankbarerweise Unterstützung durch andere Dauerlieger erhalten, klappt es dann auch.

Damit endet die Überführung unserer Yacht von Emden in das Mar Menor nach insgesamt 2250 sm.

Für das kommende Jahr haben wir inzwischen schon neu geplant. Über die Balearen und Sardinien wollen wir als neues Ziel Kroatien ansteuern. Dort wurde vor 5 Jahren unsere Segelleidenschaft geweckt und dort hatte es uns landschaftlich bisher am besten gefallen.

 

           

 

 

Daten der Yacht:   Segelyacht “SOLEIL II”, eine Reinke 10M

                              Baumaterial Aluminiu

                              Stapellauf 1997

                              Motor: Einbau-Diesel Ruggerini / 20PS

 

 

 

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© Klaus Lange