über den Atlantik (2.160 sm )

 

 

 

Mit der "LIV" hatten wir verabredet, gemeinsam die Route in die Karibik mit Ziel Tobago in Angriff zu nehmen.
Nachdem der Wind etwas nachzulassen schien und wir die letzten wichtigen Sachen wie Wasser, Diesel, Obst und Gemüse gebunkert hatten, haben unsere beiden Yachten  am 08.01.2009, 11.30 Uhr, begleitet von einem Hup- und Pfeifkonzert, den Hafen von Mindelo verlassen.

  
1.Tag auf See  (09.01.)


Anfangs hatten wir im Kanal zwischen den Inseln die erwartete hackige Welle mit Schaumkämmen und viel Wind. Die erhoffte Beruhigung stellte sich leider nicht ein, sondern wir mussten auch auf dem offenen Ozean mit heftiger Dünung kämpfen. Hinzu kam jetzt eine grässliche Kreuzsee, Ausläufer mehrerer Sturmtiefs im Nordatlantik. Der Appetit ließ an den ersten 2 Tagen auch noch zu wünschen übrig - das kennen wir ja schon.  Na ja. Eigentlich konnte es nur besser werden!


4. Tag auf See (12.01.)


Etmal: 132sm / Log: 378 sm

Leider haben sich die Wetterbedingungen bisher nicht gebessert. Von der "lang gezogenen Dünung mit leichtem achterlichen Wind, auf der man dahin gleitet wie auf Schienen", so die Beschreibung der "Barfußroute" war leider nichts zu spüren. Statt dessen fliegen wir durch das Schiff und holen uns jede Menge blaue Flecke.

Gestern hat sich Heidi eine tiefe Platzwunde über dem Auge zugezogen, als sie von einer Kreuzsee gegen die Kabinenwand katapultiert worden ist. Hätte eigentlich genäht werden müssen!

Klaus muss ständig in das Ruder eingreifen, da Autopilot und auch Windsteueranlage oft überfordert sind, wenn uns Wellen und Böen mal wieder aus dem Kurs geworfen haben. Mehrere große Brecher krachten über das Schiff.

Inzwischen haben wir uns daran gewöhnt und das Essen schmeckt auch. Kochen und einigermaßen zivilisiertes Essen erfordert allerdings akrobatische Fähigkeiten.


5. Tag auf See  (13.01.)


Etmal: 106 sm / Log: 484 sm

Wir hatten eine unruhige Nacht. Wetterbericht: keine Änderung!
Heidi ist wütend, erst recht, als ihr eine Tasse mit 3 Eiern im Waschbecken umkippt und die Eier im Abfluss verschwinden.

Vormittags endlose Segelmanöver. Bei diesen Kreuzseen werden die Segel und die Spibäume extrem belastet – von uns beiden ganz zu schweigen! 
Von Intermar hören wir, dass auf den Kanaren der kälteste Winter seit 35 Jahren herrscht und im Nordatlantik ein Sturmtief das andere ablöst. 
Aber dieser Tag hält noch andere Höhepunkte für uns bereit: als das Boot durch eine Kreuzsee wieder einmal aus dem Ruder läuft, bricht das Schothorn der Fock und gleichzeitig „verabschiedet“ sich der Teleskop-Spibaum. Wir haben zwar noch einen 2. Spibaum, aber bei dem Wetter traue ich mich nicht, ihn anzuschlagen.
Am Nachmittag geht uns ein herrlicher Barrakuda an die Angel.. 



7. Tag auf See  (15.01.)


Etmal 103 sm / Log: 686 sm 

Klaus kommt die ganze Nacht nicht zur Ruhe. Ohne Ausbaumer ist keine ruhige Fahrt möglich. Chaotisch wechselnde Winde. In der Nacht reißt ein Block am Steuerseil des Windpiloten – Reparatur im Dunkeln!
Der Wind weht mit 25-30 kn,  in den Böen 35-40 kn. Die See geht hoch und die Kreuzseen türmen sich auf 6-8 m. Es sieht manchmal schon recht gespenstisch aus. 
10.00 Uhr Funkrunde mit Intermar: das Wetter bessert sich die nächsten Tage nicht, sondern es wird eher  noch schlechter.
Nach dem Frühstück Fock wieder ausgebaumt – jetzt können wir endlich wieder Kurs anlegen und wir ziehen mit 5-6 kn durch die wilde See. Die meterhohen Wellen brechen sich mit blauem Wasser und weißer Gischt nahe am Schiff – sieht schön aus, aber wir haben mehre Einsteiger im Cockpit und zwei schaffen es bis in die Kabine – Bodenluken voll Wasser – alles ausräumen!! 
Besondere „Erlebnisse“ sind die Toilettengänge und das tägliche Duschen im Cockpit. 


12. Tag auf See (19.01.)

Etmal: 103 sm / Log: 1.229 sm

Bergfest - aber richtige Freude kommt nicht auf. Eine aufregende Nacht liegt hinter uns: gegen Mitternacht kracht der große Spibaum mitsamt dem Schlitten und dem Mastbeschlag auf das Kabinenfenster – mit Ausbaumen ist nun Schluss. Gegen 05.00 früh jagt ein Squall mit 35-40 kn über uns hinweg. Klaus stürzt in´s Cockpit,  um die Fock zu retten und wirft die Maschine an. Bei diesem Chaos rauscht die Fockschot aus und wird von der Schraube erfasst!!! Schlagartig steht die Maschine! Wir könnten nur noch die Schot kappen, ziehen uns erschöpft in die Kabine zurück und lassen das Schiff treiben. 
Erstaunlicherweise konnten wir sogar ein paar Stunden schlafen. Aber es musste ja weitergehen, also fertig machen zum nächsten Segelmanöver! 


16. Tag auf See ( 23.01.) 

Etmal: 100 sm / Log: 1.653 sm

Nachdem wir für den Spibaum am Mast (mit Seilen und einem Handtuch als Polsterung) eine provisoris
che Befestigung angebracht haben, können wir die Fock wieder ausbaumen, aber wie lange wird das halten? 
Heute hatten wir erstmals ein paar Minuten Sonnenschein und der Wind hat auch etwas nachgelassen. Sollte das der Durchbruch sein?


17. Tag auf See (24.01.)


Etmal: 89 sm / Log: 1.742 

Jetzt schimpfen wir über zu wenig Wind! Aber als sich am Nachmittag auch die See etwas beruhigte, war endlich die Gelegenheit da, um die Motorwelle von der Fockschot zu befreien. Mit Taucherbrille und Schnorchel ging Klaus in´s Wasser und nach 15 Min. war die Welle wieder frei. Uns fiel ein Stein vom Herzen, denn bei dem Gedanken, unter Segel in den (unbekannten) Hafen von Scarborough auf Tobago einlaufen zu müssen, fühlten wir uns recht unwohl, auch wenn uns die "LIV" bereits über Funk ihre Hilfe angeboten hatte. 


18. Tag auf See  (25.01.)

Etmal: 93 sm / Log: 1.835 sm 

Seit 2 Tagen haben wir endlich freundlicheres Wetter und auch gleich 30°C!!

Und so sieht unser Tagesablauf aus: 

Nachdem ich Nachtwache hatte kommt Klaus 8.00 aus den Federn, um sich in die tägliche Funkrunde mit „Intermar“ einzuklinken (beginnt 10.00 Uhr UTC und kann im Internet unter www.intermar-ev.de mitgehört werden). 
Dieser direkte Kontakt, wo wir Wetterinfos für exakt unsere Position erhalten und auch Probleme besprechen können, ist sehr hilfreich und fast familiär. Man käme sich sonst wohl doch ziemlich verlassen vor.

Früh und abends haben wir über Funk auch noch Kontakt zu anderen Booten auf der Strecke, so z.B. mit der SY "LIV", die uns voraus Richtung Tobago segelt. Nach einem kräftigen Frühstück gibt es einiges zu tun wie: Logbuch schreiben, kochen, Brot backen, angeln und g.g.f. Fische ausnehmen (was jedes Mal eine gründliche Cockpitreinigung nach sich zieht). Wir hatten bis jetzt einen Barrakuda, eine schöne Goldmakrele und einen ca. 3 kg Tunfisch (Bonito) an der Angel – eine willkommene Ergänzung zu den ansonsten gut sortierten Vorräten. Abends essen wir meistens warm.

Nach der wochenlangen Fahrt bei stürmischem Wetter, wobei das Material extremen Belastungen ausgesetzt war, sind auch einige Reparaturen und Erneuerungen erforderlich.

Zur Zeit haben wir Schwachwind mit stündlichen Regenschauern und dümpeln so vor uns hin. Noch liegen 300 sm vor uns und eine voraussichtliche Ankunftszeit lässt sich so schwer abschätzen. 


29. 01. 2009   

Wir haben es geschafft!!! 


Nach  2.160 sm und 20 Tagen Fahrt über den Atlantik haben wir gestern, am 28.1. um 11.30 Uhr Ortszeit unseren Anker im Hafen von Scarborough auf der Karibik-Insel Tobago fallen lassen. Die Segelyacht „LIV“ mit Christel und Wolfgang, mit denen wir gemeinsam von den Kapverden gestartet sind und mit denen wir unterwegs regelmäßig im Funkkontakt standen, haben uns schon erwartet. 
Wir sind glücklich und auch ein bisschen stolz darauf, diese Herausforderung bewältigt zu haben. Die Wetterbedingungen waren während der gesamten 3 Wochen alles andere als optimal. Kaum ein Boot, das zur gleichen Zeit auf dieser Route unterwegs war, ist ungeschoren davon gekommen. Neben uns liegt ein Segler aus Frankreich, der hat seinen Mast eingebüßt, einem anderen hat eine Welle das Kabinenfenster zerschmettert, ein Einhandsegler gilt noch als vermisst. So gesehen sind unsere „Verluste“ ( zerbrochener Spinnackerbaum, abgerissener Spinnaker-Mastbeschlag und
eingerissenes Vorsegel) sowie zahlreiche blaue Flecke noch Lappalien. 
Unsere "Soleil" hat uns sicher in die Karibik gebracht und sich nun, genau wie wir, ruhigere Zeiten und "Erholung" verdient.

Jetzt müssen wir uns erstmal wieder an das „Landleben“ gewöhnen, wenn wir auf festem Boden laufen oder sitzen, fühlen wir uns noch wie auf einem schwankenden Boot.

Unsere ersten paar Stunden an Land haben uns gleich gut gefallen. Die karibische Mentalität ist schon ganz angenehm – viel Musik und alles nicht so ernst. Das hat sogar auf die "Offiziellen" (Zoll und Immigration) abgefärbt – alle sind freundlich und locker drauf. Wenn in den nächsten Tagen endlich einmal der heftige Tropenregen aufhören würde, wären wir rundum glücklich.

Wir möchten uns bei allen, die uns unterwegs die Daumen gedrückt haben ganz herzlich bedanken, auch für die lieben Emails, die wir erst jetzt in einem Internetcafe lesen und deshalb nicht eher beantworten konnten.


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© Klaus Lange