Venezuela und die ABC - Inseln

 

 

Vorbemerkung:


Vom 19. September bis 04. November 2009 haben wir eine unbeschwerte und erlebnisreiche Zeit auf den Inseln vor dem venezolanischen Festland verbracht, nicht ahnend, dass es wenig später nicht mehr angeraten ist, in diese Gegend zu segeln ohne sich in Gefahr zu begeben. Leider häufen sich bis heute (Sept. 2012) teils schauerliche Berichte über Vorkommnisse wie versuchte Überfälle, Bedrohung mit Waffengewalt, Raubüberfälle sogar mit tödlichem Ausgang … Auf die Ursachen und Einzelheiten kann  hier nicht in aller Kürze eingegangen werden.
Wir haben unsere Erinnerungen und wollen sie gern weitergeben.

Testigos
Eine Nachtfahrt bringt uns von Grenada zu dieser kleinen Inselgruppe. Wir haben Neumond und einen sagenhaften Sternenhimmel.  Es ist so hell, dass wir neben der ganz schmalen Mondsichel  den Schatten der Mondkugel sehen können.
Gegen Mittag  ankern wir vor der Insel Iguana Grande, wo wir uns bei einem kleinen Außenposten von Immigration und Zoll für 3 Tage anmelden. Die Officer und die wenigen Leute, die als Fischer hier leben,  sind freundlich und sehen die ab und an vorbei kommenden Segler als Abwechslung. Wir verlegen uns gegenüber in die Bucht Tamarindo vor Testigo Grande. Mit dem Dingi geht es durch eine Passage zwischen den Riffen zum Ufer, dort  stapfen wir  den steilen Hang hinauf und laufen drüben stundenlang durch die unendliche Dünenlandschaft. Auch unter Wasser erwartet uns unberührte Natur. Wir erkunden auch den Norden der Insel, aber der Ankerplatz dort ist windig und schwellig, und so sind wir froh, am nächsten Morgen 6.00 Uhr zu starten in Richtung

 

Isla Margarita

Die 12 Tage am Ankerplatz vor Porlamar sind ausgefüllt und durchorganisiert – alle Schiffe kommen hierher, um Proviant aufzunehmen, Diesel zu bunkern und diverse Arbeiten in Auftrag zu geben. Der (fast offizielle) Schwarzmarkt-Kurs beim Geldtausch (US$ in Bolivar) versetzt alle in einen Kaufrausch, zumal es hier alles gibt, was das Langzeit-Seglerherz begehrt. Da unser Boot so klein ist, können wir nur neidisch zusehen, wie die „Großen“ sich z.B. mit Bier für´s halbe Leben eindecken. Gleich hinter der Kasse im Supermarkt  wird alles in nummerierte Kisten gepackt und zur Marina gefahren, dort  sammelt dann jeder sein Zeug wieder ein.  Wir haben 12 Pakete, andere  30 und mehr … Juan, der Chef der Marina hat alles im Griff!  Er erledigt die Einklarierung, organisiert Einkaufs-Fahrten und kannalles besorgen. Dass in diesem Staate einiges verquer läuft, ist uns schon damals immer wieder aufgefallen, aber bis dahin hatten wir keinen Nachteil davon.  Für 15 l Benzin bezahlen wir umgerechnet 2.- Euro, davon ist aber die Hälfte Trinkgeld.
Wir lassen uns noch ein Dingi-Cover anfertigen, das maßgeschneidert wird und schon oft unterwegs bewundert wurde.
Neben schnöden Kauf-Orgien haben wir aber auch erfreuliche „menschliche“ Begegnungen. Gleich bei der Ankunft sehen wir ein gelbes Alu-Boot mit französischer Flagge: das ist „Vanille“ mit Nadine und Tom; wir kennen uns seit Portugal (Sept. 2008), seitdem haben wir uns auf Madeira, den Kanaren, den Kapverden und danach immer mal wieder getroffen und jedes Mal ist die Freude groß. Gleich daneben liegt die „Akka“ mit Andrea und Andreas. Sie sind über Brasilien in die Karibik gekommen. Im Febr. 2009 sind wir uns dann auf Tobago begegnet. Seitdem haben wir Kontakt gehalten, und jetzt hat uns Andreas sogar  Ersatzteile für unseren Petroleum-Herd aus Deutschland mitgebracht! Endlich können wir nach 3 Wochen mal wieder richtig kochen. Gerne verteilen wir den unterwegs hierher gefangenen Fisch an die befreundeten Boote. „Vanille“ fährt bald weiter, aber mit „Akka“ machen wir in den nächsten Tagen noch öfter „gemeinsame Sache“: wir fahren mit Taxi in die Innenstadt zur Plaza Bolivar, dort stöbere ich im größten Stoffladen der Welt, wo ich Stoff für Bezüge für unsere Sitzkissen im Cockpit kaufe. Dann geht es im Stechschritt mit Andrea an der Spitze zum „Rattan“ Supermarkt. Die Weihnachts(!)-Deko-Ausstellung über mehrere Etagen ist der Hammer.
Mit dem Bus fahren wir zu viert  ins Inselinnere und verbringen einen Tag in dem hübschen Städtchen Asuncion.  Auf der Nähmaschine von „Akka“ darf ich die  Bezüge für unsere Kissen nähen und werde  auch noch mit Kaffee und Kuchen verwöhnt. Klaus entschließt sich in letzter Minute, doch noch zum Ohrenarzt zu gehen, denn von hier aus werden wir wochenlang auf abgelegenen Inseln unterwegs sein. Deshalb ist es auch wichtig, alle verfügbaren Tanks und Gefäße mit Süßwasser zu füllen, denn wir haben keinen Wassermacher an Bord und müssen mit unseren Vorräten auf unbestimmte Zeit auskommen.
Am 04.10.2009 starten wir gut versorgt und voll freudiger Erwartung in Richtung Nachbarinsel
 

 

Blanquilla – 2 Wochen Karibik-feeling pur

Kurz bevor wir die Insel erreichen, taucht dicht neben dem Boot ein Orca auf. Nach dem ersten Schreck sind wir ganz begeistert und freuen uns über die unverhoffte Begegnung.
Über Funk lotsen uns die Officer der kleinen Station auf Blanquilla in eine schmale Bucht, wo wir den Anker werfen müssen, damit gleich 4 Beamte an Bord kommen können, um die Formalitäten der Anmeldung zu erledigen – und das dauert … einer kann etwas Englisch und wir nicht ausreichend Spanisch, aber sie sind sehr nett und unterhaltsam. Am Ende haben wir ihnen 1 Flasche Rum spendiert, sicher behalten sie uns in guter Erinnerung.
Beschwingt und gut gelaunt  suchen wir uns (ohne die Karte zu bemühen!) einen Ankerplatz, fahren  in die falsche Bucht und brummen mit Karacho auf die Korallen … Das Geräusch werden wir nie vergessen, erstmals sind wir richtig froh, dass wir ein Alu-Boot haben. Aber kommen wir auch wieder los? Alles andere wäre eine Katstrophe, die aber diesmal haarscharf an uns vorübergeht.  Also Rückwärtsgang rein, banges Warten, Schiff bewegt sich aus der Gefahrenzone, großes  Aufatmen … In der „richtigen“ Bucht finden wir ein schönes Plätzchen mit sandigem Ankergrund gleich neben den Korallen. Wir machen sofort einen Erkundungs-Schnorchel-Trip und finden – neben ein paar Kratzern am Unterwasserschiff  -  eine völlig unberührte Unterwasserwelt.  Am nächsten Morgen springen wir gleich vom Bett aus ins Wasser – endlich haben wir unsere Trauminsel gefunden! Sie ist fast kreisrund (ca. 5 Meilen im Durchmesser) und  unbewohnt bis auf die Station der Küstenwache. Viele wilde Esel, Leguane und Vögel besiedeln das flache Eiland. Ausgedehnte Spaziergänge führen uns auf Eselspfaden über die  von knorrigen Bäumen und Gestrüpp bewachsene Felseninsel. Überall kleine Lagunen,  von Mangroven gesäumte Strände, Palmenhaine … Ein Regenguss überrascht uns, eine gute Gelegenheit, unsere Wasservorräte zu ergänzen. Nun aber weiter zum eigentlichen Hauptankerplatz der Insel: Playa Yaque.

Jetzt sind wir so richtig in der Karibik angekommen:  traumhafter Strand, pudriger Sand, Muscheln in allen Farben und Formen, Korallenbänke bis zum Ufer, Wasser in allen Blautönen … An einer Felswand  finden wir sogar eine riesige versteinerte Muschel (ca. 1m im Durchmesser).  Auf unseren Schnorcheltouren vom Strand aus beobachten wir neben bunten Fischen in allen Farben und Größen Schildkröten,  Seeschlangen und Aale, Oktopusse, große Baracudas, bunte Korallen und andere Gewächse wie in einem Garten. Das Hinterland hält noch eine besondere Überraschung für uns bereit,  ein großer Salzsee schillert in den schönsten Farben, umgeben von skelettartigen abgestorbenen Bäumen. Wir umrunden auf einem langen Spaziergang den See, beobachten Leguane und kratzen ein Häufchen Salz zusammen für die Bordküche.

Am Ankerplatz finden sich 6 Boote ein: zu uns zwei deutschen Booten kommt eines Nachts noch die „Kamiros“ mit Eva, Hans und den Kindern Lola und Luca (9 und 5 Jahre). Neben der „Vanille“ liegt ein weiterer französischer Segler, eine junge Familie mit Sohn (3 Jahre), und dann kommt noch ein venezolanisches Boot mit einer Großfamilie an Bord dazu, jetzt sind wir 21 Leute. Schnell sind Kontakte geknüpft, am Abend versammeln wir uns am Strand um ein Grillfeuer bei Sonnenuntergang. Das spontan zusammengestellte Buffet kann sich sehen lassen: frisch gebackenes Roggenbrot und Schmalzfleisch, verschiedene Salate und andere Köstlichkeiten. Der Renner ist aber ein großer Batzen bestes Rindfleisch, was die Venezolaner beisteuern. Die auf Holzfeuer gegrillten Steaks werden genussvoll  verschlungen,  eine gut bestückte „Strandbar“ und die romantische Atmosphäre sorgen für Superstimmung. Multi-Kulti in Aktion, vier Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch), wobei  die Unterhaltung in Englisch geführt wird, sobald mehrere Nationen zusammenkommen.  Weil es so schön war, veranstalten wir ein andermal eine Kaffee- und-Kuchen-Party nachmittags am Strand. Für die Kinder gibt es Rote Grütze (tief unten in der Vorratskiste gefunden) und Büchsen-Abschießen im Sand. Auch gegenseitige Besuche auf den Schiffen und Austausch von Tipps und Tricks ist angesagt. So haben wir ab jetzt einen Kefir-Pilz, wodurch unser Speisezettel  vielfältig bereichert wird. Von der „Kamiros“ (sie haben ihr Schiff in den USA mit Inventar gekauft und „misten“ es jetzt aus) erben wir stapelweise Karten und Info-Material betr. Ostküste USA und  Intracoastal Waterway sowie die Bahamas.
Die Franzosen sind wahre Meister im Fischen mit Harpune, so fällt auch mal ein schöner Red Snapper für uns mit ab. Bei einer Fahrt mit dem Dingi zum „Americano“Strand geht uns sogar auch was an die nachgezogene Angelsehne. Von Fischsuppe über vielfältigste Zubereitungsarten ergeben sich immer wieder leckere Fischgerichte.
Da unsere Wasservorräte langsam abnehmen, spendiert uns die „Akka“ noch ein paar Kanister mit Wasser, aber auch frisches Obst und Gemüse sind aufgebraucht und wir wollen ja noch weiter …
Deshalb heißt es jetzt Abschied nehmen. So ein harmonisches Zusammenleben ergibt sich nur selten, und wir haben es alle genossen.

 

Los Roques
Am 19. Oktober 2009 starten wir zu den „Los Roques“, einer weit abgelegenen Inselgruppe. Nach dem Dunkelwerden erleben wir  in tiefschwarzer mondloser Nacht einen sagenhaften Sternenhimmel. Als besondere Attraktion gibt es ein wahres Sternschnuppengewitter in der Milchstraße;  Delfine jagen wie Torpedos um unser Boot herum, schießen aus der Tiefe herauf und hinterlassen eine Glitzerspur ... Es ist eine unserer schönsten Nachtfahrten.
Am nächsten Morgen lernen wir gleich die Tücken der nur wenig aus dem Wasser ragenden kleinen Eilande kennen: bis zum Ankerplatz vor der Hauptinsel Grand Roque müssen wir uns nach Sicht durch die Cliffs und Flachs fädeln, denn die Kartendaten stimmen offensichtlich nicht. Eigentlich wollen wir gemeinsam mit Andrea und Andreas von der „Akka“ am Nachmittag nur schnell die Formalitäten an Land erledigen und dann gleich weiter, aber wie sooft im Seglerleben ändern sich die Pläne kurzfristig, das ist eben einer der Vorteile beim Leben auf dem Wasser, das Quartier ist immer dabei, so kann man bleiben wo es einem gefällt. Der kleine Ort zieht uns gleich in seinen Bann. Wir hatten lt. „Doyle“ von 2002 (Segelhandbuch) wenig erwartet und sind jetzt ganz begeistert von diesem kuschligen Plätzchen! Es gibt keine  befestigten Straßen im Ortskern, sondern Sandwege ziehen sich zwischen bunten Häusern, geschmackvoll gestalteten „Posadas“ mit dekorativen Innenhöfen (kleine Pensionen), blühenden Bäumen und Sträuchern dahin. Das Internet in der Strandbar ist kostenlos, aber schweißtreibend, da nicht besonders stabil. Aber nach Wochen sind wir froh, überhaupt mal wieder ein Lebenszeichen an die Lieben daheim senden zu können. So zimmern wir gleich noch einen Bericht über die Erlebnisse der letzten Wochen zusammen, verziert mit schönen Fotos. Es gibt eine Bäckerei und auch ein, zwei Mini-Supermärkte, aber in denen ist nichts zu holen, da das Versorgungsschiff vom Festland seit Tagen überfällig ist. Das Schiff soll überladen fast abgesoffen sein, musste deshalb wieder umkehren. Also nichts mit frischem Obst und Gemüse, wir müssen mit ein paar Kartoffeln, 5 Eiern, 4 Zwiebeln, 3 Limetten, 1 Apfel und 2 Orangen auskommen. Am Strand verkaufen die Fischer ihren Fang direkt vom Boot. Wir suchen uns einen großen Red Snapper aus (ausgenommen 2 kg für ca. 7 Euro) und bereiten uns heute und an den kommenden Tagen mehrere Festessen wie „panierte Fischfilets mit Kartoffelpüree an gebuttertem Spargel“. Letzterer kommt natürlich aus der Dose.  In der Laundry geben wir zwei große Taschen mit Wäsche ab. Nach einem Spaziergang zur höchsten Erhebung der Insel, von wo aus man einen herrlichen Rundumblick über die umliegenden Inselchen hat, holen wir unsere Klamotten frisch gewaschen, getrocknet und schön zusammengefaltet wieder ab. Unterwegs kommen wir an einer staatlichen Schule vorbei und beobachten die fröhlichen und ausgelassenen Kinder in der Pause. Jede Klasse wird von zwei Lehrern betreut, es wird an Computern gearbeitet und alles macht einen sehr guten Eindruck.
Von oben haben wir uns ausgeguckt, an welchen Ankerplatz wir fahren wollen. Dort finden wir beim Schnorcheln viele Großfische bis zu einem Meter und werden begleitet von Fisch-Schwärmen verschiedener Ausmaße, von kleinen Schulen bis zu Tausenden kleinsten Fischlein und auch größeren Exemplaren. Bei der Suche nach der Durchfahrt zum nächsten Ankerplatz zwischen den Riffen kommen wir an einer schmalen Sandbank mitten im Wasser vorbei, die tagsüber als attraktives Ausflugsziel für Touristen genutzt wird. Es sieht lustig aus, wie die bunten Sonnenschirme im Wind flattern, und wir beobachten die Badegäste bei Wassersportaktivitäten aller Art im Vorbeifahren.
Der Wind nimmt immer mehr zu, am Ankerplatz vor dem Ort erwartet uns heftiger Schwell. In der Hoffnung, dass inzwischen das Versorgungsschiff da war, wagen wir einen Landgang und wir haben Glück! Allerdings ist die Ladung mittlerweile zwei Wochen alt und dementsprechend sieht auch die
„frische“ Ware aus, aber wir kaufen Eier, Möhren, Tomaten, Papaya, Zwiebeln und Marmelade. Unser venezolanisches Geld reicht am Ende gerade noch für Cola und Bier. An der Tauchbasis holen wir uns noch 40 l frisches Wasser, denn nun soll es nach fünf erlebnisreichen Tagen weiter gehen zu anderen Inseln des Archipels wie


Norinsquis
Carenero
Cayo de Agua


sowie zu den  Inseln Barlavento und  Sotovento im  Aves – Archipel.
Auf diesen Inseln werden wir uns zwei Wochen rumtreiben( lassen), bis es weiter geht nach Bonair.
 

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© Klaus Lange